Schlegel: „Wir haben nur dieses eine Mutterraumschiff Erde“
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DBU: Als Astronaut gehören Sie zu den wenigen Menschen, die die Erde aus einer besonderen Perspektive betrachten können: aus der Ferne. Verändert dieser Blick die Beziehung zum Lebensraum Erde?
Schlegel: „Ja, das tut er auf alle Fälle. Die meisten Menschen haben, wenn sie über Raumfahrt sprechen, die Fotos des Erdballs vor Augen, der sich vor der Schwärze des Universums abhebt. Diesen weit entfernten Blick haben wir nicht. Wenn wir in die niedrige Erdumlaufbahn gehen, ist das gerade mal 350 Kilometer hoch. Zwar 30 Mal höher als ein Verkehrsflieger und auch 30 Mal so schnell. Trotzdem sieht die Erde ganz ähnlich aus wie aus dem Flugzeug: Wir sehen den Horizont als relativ gerade Linie, nur ein bisschen gebogen erkennen wir die Erdkrümmung. Dann realisieren wir: Das ist Südafrika, über das wir gerade fliegen und es dauert nur acht Minuten. Nun folgen beim Flug über Indischen und Pazifischen Ozean 40 Minuten Wasser ohne Landmassen. Das löst widersprüchliche Gefühle aus! Auf der einen Seite brauchen wir nur eineinhalb Stunden, um die ganze Erde zu umrunden, auf der anderen Seite zieht alles recht langsam vorbei. Man hat das Gefühl, die Erde sei unheimlich groß und andererseits doch nur sehr klein. Die Erdatmosphäre ist gerade mal fingerdick – also sehr dünn. Die Farbe der Erdatmosphäre geht von Dunkelblau ins Hellblau und dann ins Schwarz über. Es ist surreal. Wenn man das zum ersten Mal erlebt, ist das etwas, was sich mindestens genauso im Herzen oder im Bauch abspielt wie im Kopf. Für mich ist die Erde ein Mutterraumschiff mit einer endlichen Atmosphäre, mit endlichen Ausmaßen. Von oben gibt es keine Grenzen: keine Sprachgrenzen, keine Religionen. Sie sehen relativ wenig Menscheneinfluss. Sie sehen nur eins: Die Erde in ihrer Verletzlichkeit, sehr diffizil, sehr filigran.“
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Schlegel: „Ich nehme den Graslöwen gerne mit – als Repräsentanten der Deutschen Bundesstiftung Umwelt – gerade weil er als Umweltbotschafter dasteht. Ein ganz wichtiges Thema! Was ich dem Graslöwen zeigen kann – und stellvertretend dafür natürlich allen Kindern der Erde – ist zu erkennen, dass die Bemühungen, die wir Menschen in Deutschland unternehmen, ein richtiger Anfang sind: umweltverträglich zu leben und umweltverträglich unsere Industriegesellschaft weiter auf der Erde so zu gestalten, dass wir Zivilisation und Lebensqualität sichern und entwickeln können. Die besondere Chance für den Graslöwen besteht darin zu erkennen, dass Umweltbewusstsein nicht an den Grenzen Deutschlands aufhört, nicht an den Grenzen Europas, dass es da gar keine Grenzen gibt! Für uns muss es wichtig sein, dass alle Menschen auf der Erde die Chance begreifen, die Umwelt schonend zu behandeln! Die Primärbedürfnisse der Menschen müssen überall gedeckt sein, damit sie verantwortungsbewusst mit ihrem Raumschiff Erde und den Ressourcen umgehen können. Wir in Deutschland müssen alles tun, um weniger entwickelten Ländern dabei zu helfen!“
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Schlegel: „Ich war im letzten Jahrtausend das letzte Mal im Orbit, habe allerdings in der Zwischenzeit sehr vielen anderen Missionen und Astronauten geholfen zu fliegen. Indirekt habe ich also weitere Raumflüge erlebt. Ja, ich erwarte schon, dass ich Änderungen sehen werde. Ich denke, dass die Waldgebiete am Amazonas, die Waldgebiete auf Madagaskar deutlich kleiner geworden sind. Ich erinnere mich an das unglaubliche Bild der Flüsse dort: Sie waren dunkelbraun gefärbt. Da die Wälder dort abgeholzt wurden, wurde der Boden in die Flüsse gespült und färbte sie braun – auch das Delta, die Mündungsgebiete. Die braune Farbe reichte bis weit in den Ozean hinein! Das sind sehr bleibende Bilder. Ob ich so direkte Umweltveränderungen wiedersehe, weiß ich nicht.
Aber ich freue mich sehr darauf, noch mal die Erde aus der Entfernung zu sehen und die Schwerelosigkeit zu erfahren. Und dann haben wir auf unserem Flug eine Mission: Wir bringen das europäische Wissenschaftsmodul ‚Columbus’ in den Orbit zur internationalen Raumstation ISS. Das ist der Beginn der bemannten Raumfahrtforschung für Europa. Wir haben von da an Möglichkeiten – rund um die Uhr, jeden Tag im Jahr – Experimente in der Schwerelosigkeit durchzuführen. Ich hoffe, dass die wissenschaftliche Gemeinde in Europa diese Gelegenheit dazu nutzen wird, wegweisende erkenntnisbringende Forschungsergebnisse zu gewinnen!
Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr die Schwerkraft uns auf der Erde prägt. Wie sehr sie in unser Denken spielt, aber auch in die Wahrnehmung von uns selbst und der Natur. Ein kleines Beispiel: Fische würden in der Schwerelosigkeit völlig desorientiert sein, weil der Auftrieb fehlt. Ihre Schwimmblase, das orientierungserkennende Organ, ist ohne Schwerkraft wirkungslos. Genauso geht es den Menschen. Wir müssen dort erst ein neues Lebensgefühl entwickeln: wie wir uns bewegen, wie wir atmen, wie wir essen, wie sich der Blutkreislauf in unserem Körper auswirkt. Der Grund, warum wir in den Weltraum gehen, ist, wissenschaftliche Experimente durchzuführen. Um den Einfluss der Schwerkraft auf die Naturgesetze besser zu verstehen und um dies in Materialwissenschaften, Biologie oder Humanmedizin anzuwenden. Wissen und Verständnis, das wir mit zurück zur Erde bringen, nutzen wir hoffentlich nur dazu, die Natur im positiven Sinne zu beeinflussen!“
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DBU: Die DBU fördert umweltschonende Innovationen: in Umwelttechnik, -forschung und -bildung. Werden im Forschungslabor Columbus Forschungen betrieben, von denen die Umwelt einmal profitieren wird?
Schlegel: „Davon bin ich überzeugt! Aber es ist keine direkte angewandte Forschung. Es ist die grundsätzliche Erkenntnis aus Experimenten über den Einfluss der Schwerkraft, den Einfluss von Strahlung, von dem Vakuum, in dem wir uns befinden. All das ist Grundlagenforschung auch in angewandter Richtung: wie ist unser biologisches Leben einzuordnen? Wie funktioniert es? Die Erde ist ein isolierter Planet, mit einer abgeschlossenen Erdatmosphäre. Sie ist nichts weiter als ein großes Raumschiff. Die Erde muss – genauso wie wir auf unserer Raumstation – mit Strom, Luft, Verunreinigung sehr genau umgehen. Wir müssen jeden Abfall, den wir erzeugen, sehr gut wiederverwerten und uns darum sorgen, wie wir ihn verstauen. All das im Kleinen ist sofort im Großen auf die Erde zu übertragen. Wir haben endliche Ressourcen! Wir können es uns nicht leisten, sie zu verschwenden. Wir müssen die Probleme, die wir auf der Erde haben, zusammen angehen als eine Mannschaft – unabhängig von Religion, Staatsgrenzen oder politischer Zugehörigkeit! Denn wir haben nur dieses eine Raumschiff!“
Schlegel: „Das ist für mich das A und O. Wir können in einem Land natürlich anfangen, aber unsere Natur macht nicht zwischen den Ländergrenzen halt. Wir leben auf einem Planeten. Wir müssen global denken und unsere Mitmenschen anregen, genauso global zu denken. Das ist die Voraussetzung, die wir als erstes schaffen müssen. Ganz wichtig ist es, Länder, die vielleicht andere politische oder wirtschaftliche Interessen haben, davon zu überzeugen, dass alles nationale, egoistische Denken in eine Sackgasse mündet. Wir müssen nationale Egoismen beiseite schieben. Dabei brauchen wir gar nicht so sehr an das Ideal der Menschen zu appellieren. Wir müssen einfach nur klar machen: Wenn wir nicht weltweit anfangen, kann es für keinen auf der Erde gut ausgehen.
Unsere bemannte Raumfahrt ist ein gutes Modell dafür. Wir bauen die Internationale Raumstation mit verschiedenen Ländern auf: frühere Blockgegner, Ost, West, die Amerikaner, die Russen, die Japaner, die Kanadier und siebzehn europäische Länder sind dabei! Es ist ein langwieriges Projekt. Die Planungen der ISS haben vor weit über 20 Jahren angefangen. Seit gut sieben Jahren sind wir fortwährend bemannt in der Erdumlaufbahn, immer ist eine internationale Mannschaft an Bord. Nun kommen die Europäer dazu mit einem eigenen Forschungslabor. Wenige Monate nach uns werden die Japaner mit ihrem eigenen Forschungsmodul kommen. Wir alle hoffen und werden darauf hinarbeiten, dass wir die Internationale Raumstation über 2015 hinaus international nutzen können. Wir sind also ein Modell dafür, wie wir ein großes Problem – ein Projekt im internationalen Rahmen – gemeinsam meistern können.
Mein amerikanischer Kollege John Young, der schon auf dem Mond gewesen ist, sagte ganz einfach: ‚One planet species don’t last!’ Damit meint er, dass die Arten auf der Erde nicht überleben, wenn sie ihre Existenz nur auf einen Planeten beschränken. Wir haben gar keine andere Chance, als über unseren Gartenzaun hinwegzuschauen, wenn wir unsere Zukunft sichern wollen. Ich meine den sprichwörtlichen Gartenzaun. Wir in Deutschland, wir in Europa, wir auf der nördlichen Hemisphäre oder wir Industriestaaten, wir halten unseren Garten in Ordnung? Nein, nein! Wir müssen sehen, dass wir als Erdgemeinschaft nur zusammen eine Chance haben, unseren Heimatplaneten in einer guten Verfassung zu halten und solange wie möglich auf ihm ein gesundes Gleichgewicht herzustellen zwischen Nutzung und Ausnutzung der Ressourcen! Wir müssen über den Gartenzaun, über unsere Erde hinaus schauen und sehen, wie Leben in der Schwerelosigkeit möglich ist. Können wir Leben transportieren von einem Planeten zum anderen? Von einem Sonnensystem zum anderen? Was sind die Grundlagen dafür, um später einmal eine Station, eine Zivilisation auf dem Mars aufzubauen? Denn das wird kommen und wir werden es brauchen!
Es ist auch wichtig zu schauen, was uns andere Menschen und Wissenschaftsgebiete lehren können, dass wir neue Gedanken aufgreifen und sie in unsere alte Welt, wie auch immer wir die definieren, mit aufnehmen. Genauso funktioniert Forschung, genauso funktioniert Fortschritt in der Zivilisation mit allen positiven und negativen Veränderungen. Ganz wichtig ist Offenheit über die eigenen Interessensgebiete und die eigene Nationalität hinaus.“
Schlegel: „Für mich sind die Naturwissenschaften Lebensinhalt. Es sind immer die stetigen Fragen: Warum funktioniert etwas? Wie funktioniert etwas? Welche Bedingungen sind wesentlich? Welche sind von untergeordneter Bedeutung? Für mich ist das mein Leben. Kinder zu erziehen, mit Kindern zu tun zu haben, heißt immer: genaue Ursachen darzulegen, logische Zusammenhänge darzustellen! Manchmal geht das, wie bei der Sendung mit der Maus, viel lustiger und ist dann auch leichter aufzufassen – aber es geht immer darum, auf große Zusammenhänge zu schauen, über den eigenen Gartenzaun hinaus, Neues zu vermitteln, Neugier zu wecken! Damit die Menschen eben ein bisschen tiefer schauen, als nur zu denken ‚was nützt mir heute’ und ‚wie nützt es mir’. Es ist wichtig, die großen Zusammenhänge zu verstehen, für uns als Menschheit auf der einen Erde.“
Das Interview führte Taalke Nieberding, DBU.


