Freiburg / Osnabrück. Am 15. Oktober des vergangenen Jahres hatte Prof. Dr. Franz Daschner, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg, in Potsdam aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, in Empfang genommen. Welche Konsequenzen hatte das für ihn? Für seine Arbeit? Für den Umweltschutz im Krankenhaus? Und was muss in Zukunft noch in die Wege geleitet werden? Ein Fazit ein Jahr danach zieht Daschner im folgenden Interview mit DBU-Pressesprecher Franz-Georg Elpers:
Frage: Herr Prof. Dr. Daschner, im Vorjahr haben Sie gemeinsam mit dem Gründer und Eigentümer der Firma ENERCON, Diplom-Ingenieur Aloys Wobben, in Potsdam den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt verliehen bekommen. Das Echo war gewaltig und legte den Streit um den besten Weg zur Vermeidung von Infektionen im Krankenhaus mit aller Deutlichkeit offen. Und nicht nur das: Sie und ein Kollege wurden sogar anonym und ungerechtfertigt denunziert, Industriegelder unterschlagen, Steuern hinterzogen und Patienten durch ihre Hygieneempfehlungen einem tödlichen Risiko ausgesetzt zu haben. Bereuen Sie den 15. Oktober 2000, als Sie aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau den Preis erhielten?
Daschner:Ganz im Gegenteil! Der Deutsche Umweltpreis 2000 ist die Krönung meines Lebenswerkes und ich bin Herrn Bundespräsident Dr. Johannes Rau und insbesondere der Deutschen Bundesstiftung außerordentlich dankbar, weil sie gerade mir als erstem Mediziner und Hygieniker den Preis verliehen haben. Es war nämlich außerordentlich schwierig und oft auch sehr frustrierend, gerade in Deutschland gegen den teilweise erbitterten Widerstand einiger Hygieniker und Hygiene-Fachgesellschaften eine umweltschonende und gleichzeitig kostensparende Krankenhaushygiene zu etablieren. Da freut es mich natürlich, dass kürzlich sogar das Deutsche Ärzteblatt festgestellt hat, dass mittlerweile einige hundert deutsche Kliniken den umweltfreundlichen Hygieneempfehlungen aus Freiburg folgen, offensichtlich nicht zum Nachteil der Patienten, aber sicher zum Vorteil der Umwelt.
Dass die Preisverleihung eine erneute heftige Diskussion entfachen würde, habe ich erwartet, nicht jedoch, dass der sogenannte Hygienikerstreit um den besten Weg der krankenhaushygienischen Versorgung unserer Patienten in Deutschland auch vor anonymen Anzeigen und - wie eine der bekanntesten deutschen Tageszeitungen geschrieben hat - auch vor Journalistenbeeinflussung nicht Halt gemacht hat. Einen Vorteil hatte dieser Streit allerdings dann doch: noch mehr Kliniken und vor allem die Öffentlichkeit und somit auch die Patienten sind breit und ausführlich informiert worden, dass auch in der Krankenhaushygiene mehrere Wege nach Rom führen. Einer davon schont die Umwelt, die Patienten, das Personal in den Kliniken und spart dann auch noch Geld. Für diese hilfreiche Publicity bin ich meinen streitbaren Fachkollegen, die nach wie vor den desinfektionsmittelgetränkten Weg gehen wollen, sehr dankbar.
Frage:
Renommierte Leute auf der einen Seite, die die eine Position vertreten - renommierte Leute auf der anderen Seite, die genau das Gegenteil sagen: Warum ist es wie bei anderen strittigen Themen offenbar nicht möglich, wissenschaftlich abgesicherte Ergebnisse zu bekommen, die für Klarheit sorgen?
Daschner:
Die wissenschaftlich abgesicherten Ergebnisse liegen ja vor, sie werden lediglich von den "renommierten Leuten auf der einen und der anderen Seite" völlig unterschiedlich interpretiert. Es wird im Wesentlichen darum gestritten, ob man in deutschen Kliniken noch eine routinemäßige Flächendesinfektion durchführen soll, d.h. jeden Morgen Fußböden, Waschbecken, Duschen, Badewannen, Toiletten usw. mit Desinfektionsmitteln putzen soll. Es gibt nicht weniger als vier internationale Publikationen, die gezeigt haben, dass routinemäßige Flächen-desinfektion keinerlei Einfluss auf die Krankenhausinfektionsrate hat, routinemäßige umweltschonende Reinigung genügt. In anderen Ländern z.B. in den USA, Kanada, Australien, England, allen skandinavischen Ländern, Niederlande, Schweiz usw. wird aufgrund der Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Arbeiten schon lange keine routinemäßige Flächendesinfektion mehr durchgeführt.
Wie immer im Leben hat auch der Hygienikerstreit etwas mit Geld zu tun, denn Deutschland ist nach wie vor das Desinfektions-mittelland Nummer 1 in der Welt. In der Liste der von der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie geprüften Desinfektionsmittel sind nicht weniger als 454 Flächendesinfektionsmittel aufgeführt, andere Länder kommen mit fünf bis zehn solcher Mittel aus. Flächendesinfektion ist in Deutschland offensichtlich ein gutes Geschäft, auch für diejenigen Hygieniker, die Desinfektionsmittel begutachten. Es ist vielleicht nicht ganz zufällig, dass gerade diejenigen Hygieniker mich besonders heftig kritisieren, die die meisten Desinfektionsmittelgutachten für die Industrie machen.
Frage:
500.000 bis 800.000 Patienten infizieren sich schätzungsweise jährlich in deutschen Krankenhäusern und Kliniken. Die Todesfälle sollen in die Tausende, andere sagen in die Zehntausende gehen. Wie kann man angesichts solch horrender Zahlen durch den "Hygienikerstreit" verursachte Verunsicherungen etwa in den Krankenhäusern vermeiden? Wie kann man den oft zitierten "einfachen Mann auf der Straße" beruhigen, dass er nicht kranker aus dem Hospital herauskommt als er hinein gegangen ist? Verständnis für einen akademischen Streit wird er nicht haben...
Daschner:
Der sog. "einfache Mann auf der Straße" kann beruhigt sein, denn der "Hygienikerstreit" hat keinerlei Einfluss auf die Häufigkeit von Krankenhaus-infektionen in Deutschland. Deutschland hat im internationalen Vergleich nach wie vor einen hohen Krankenhaus-hygiene-standard wie eine Untersuchung des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene, das von Prof. H. Rüden, Berlin, und mir geleitet wird, gezeigt hat. Die Krankenhausinfektionsrate in Deutschland ist 3,5 Prozent, das heißt nur 3,5 Prozent aller Krankenhauspatienten erwerben in der Klinik eine Infektion, das ist nicht mehr und nicht weniger als in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern. Allerdings können auch mit den besten Methoden weltweit und so auch in Deutschland bisher nur ca. ein Drittel aller Krankenhausinfektionen verhindert werden. Wie viele Patienten in Deutschland an Krankenhausinfektionen sterben, ist im übrigen völlig unbekannt, denn dazu gibt es nicht eine einzige wissenschaftliche Untersuchung. Alle Zahlen, die in der Presse genannt werden, ob nun Tausende oder Zehntausende, sind reine Spekulationen.
Frage:
Für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt sind Ihre Leistungen für den Umweltschutz in Deutschland nach wie vor unbestritten. Schließlich hatten uns ja auch zahlreiche renommierte externe Gutachter ausnahmslos positive Voten zu Ihnen abgegeben. Nun hatten Sie erneut zumindest indirekt mit dem Bundespräsidenten zu tun: Er hat Ihnen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Geht der Streit jetzt wieder von vorne los?
Daschner:
Nachdem das Deutsche Ärzteblatt und eine der besten deutschen Tageszeitungen die eigentlichen Hintergründe des sogenannten Hygienikerstreites aufgedeckt haben, glaube ich das nicht. Im übrigen werden auch für das Bundesverdienstkreuz renommierte externe Gutachter befragt, so u.a. der Rektor der Universität, der Dekan der Medizinischen Fakultät und das zuständige Fachministerium. Diese Institutionen können sicher besser als einige meiner verehrten Fachkollegen beurteilen, ob die Freiburger Hygieneempfehlungen und Umweltaktivitäten unseren Patienten schaden oder nützen.
An dieser Stelle möchte ich dem Klinikumsvorstand des Universitätsklinikums Freiburg, und ganz besonders meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern danken, die mich auch in den teilweise sehr bewegten Zeiten des Hygienikerstreits, der leider auch vor Denunziationen und anonymen Anzeigen nicht Halt gemacht hat, unerschütterlich fachlich und moralisch unterstützt haben. Der Deutsche Umweltpreis und auch das Bundesverdienstkreuz für Leistungen auf dem Gebiet der Krankenhaushygiene und insbesondere des Umweltschutzes in der Medizin sind die Anerkennung für die Ergebnisse von Teamwork und nicht nur eines Einzelnen.
Frage:
Was hat sich im letzten Jahr in Sachen Umweltschutz im Krankenhaus getan?
Daschner:
Einer meiner größten Fehler ist Ungeduld, mir geht immer alles viel zu langsam, daher muss meine Antwort sein: Leider noch viel zu wenig, denn im Moment stehen bei der Umstrukturierung des Gesundheitswesens in Deutschland und dem ewigen Hin und Her vor allem organisatorische und ökonomische Probleme im Vordergrund. Im Moment hat jeder nur Geld im Kopf. Dass man mit Umweltschutz auch sehr viel Geld sparen kann, hat sich noch viel zu wenig herumgesprochen. Ich bin aber auch unerschütterlicher Optimist. Die Erkenntnis, dass es zu einer umweltschonenden "grünen" Medizin überhaupt keine Alternative gibt, wird sich in den nächsten Jahren durchsetzen, z.B. dass man Operationssäle und Patientenzimmer auch mit Solarenergie und nicht mit Öl, Gas oder Strom kühlen kann, wie wir gezeigt haben. An der Tatsache, dass vom Umweltschutz in der Medizin alle profitieren, die Patienten, die Ärzte, die Kassen, und natürlich v.a. die Umwelt, kann in Zukunft niemand vorbeigehen.
Frage:
Wenn Sie für einen Tag Umweltminister in Deutschland wären und uneingeschränkt handeln könnten: Was würden Sie tun?
Daschner:
Den Etat der Deutschen Bundesstiftung Umwelt verdoppeln, das Aktionsprogramm der Bundesregierung "Umwelt und Gesundheit" mit mehr Geld ausstatten, so dass es endlich und schnell in die Tat umgesetzt werden kann, allen Kliniken systematisches Umweltmanagement verordnen, und für jede Klinik die Einstellung eines Klinikökologen zur Pflicht machen. Das wäre für mich das umweltmedizinische Paradies auf Erden, und ich könnte beruhigt in Pension gehen. Man muss wissen, dass in deutschen Kliniken nicht weniger als ca. 1,1 Millionen Menschen arbeiten. Daneben sind VW, Mercedes oder BASF geradezu mittelständische Betriebe. Wenn alle deutschen Kliniken systematisch Umweltschutz machen, macht der Umweltschutz in Deutschland den größten Schritt der letzten 20 Jahre nach vorne. Einen solchen Erfolg würde ich dem jetzigen und den zukünftigen Umwelt-ministern in Deutschland von Herzen wünschen.