23.11.1994 | "Zweites Leben" für historische Bausubstanz: 2,7 Millionen Mark für Denkmal-Werkhöfe

Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) will Bauschuttmassen reduzieren - Innerdeutsches Kooperationsmodell Demmin/Steinfurt

Demmin/Steinfurt. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) will ihren Beitrag dazu leisten, daß die Bauschuttmassen, die insgesamt die Hälfte aller zu entsorgenden Abfälle ausmachen, zukünftig nicht mehr in den Dimensionen anfallen wie bisher und historische Baumaterialien nicht auf Bauschuttdeponien landen, sondern wiederverwertet werden. Das Kuratorium der größten Umweltstiftung Europas beschloß jetzt in Bonn unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Dr. Hans Tietmeyer, für zwei Einrichtungen zur Wiederverwendung historischer Baumaterialien in Liepen in Mecklenburg-Vorpommern und Steinfurt in Nordrhein-Westfalen insgesamt fast 2,7 Millionen Mark als Anschubfinanzierung zur Verfügung zu stellen. Davon entfallen auf den Trägerverein Denkmalpflege-Werkhof Steinfurt rund 1,6 Millionen Mark, auf Demmin rund 1,1 Millionen Mark.

Bei der Sanierung historischer Kulturdenkmäler und von Altbauten werden häufig angeblich nicht mehr brauchbare Baustoffe durch neue ersetzt und verschwinden auf den Bauschuttdeponien, heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung weiter. So würden etwa bei historischen Dachdeckungen - auch wenn nur kleine Reparaturen notwendig seien - häufig die alten Biberschwanzziegel ganz beseitigt und gegen industriell gefertigte Produkte ausgetauscht. Dabei werde oft als Begründung angegeben, daß keine historischen Materialien zur Reparatur zur Verfügung stünden.

Wenn es darüber hinaus vornehmliche Aufgabe von Denkmalpflege sei, wertvolle Zeugnisse der Geschichte menschlicher Kultur zu erhalten, so müsse Substanz gesichert werden. Denn jede Kopie, jede Ergänzung stelle zunächst einmal eine Verfälschung des Originals dar. Deshalb sei es zwar auch nur die zweitbeste Lösung, alte Materialien aus derselben Epoche zu verwenden. Das sei aber noch immer besser, als sie durch neue Fabrikware zu ersetzen. Schließlich spare der Erhalt alter Materialien Energie und Rohstoffe, die zur Herstellung der neuen Materialien benötigt werden.

Dieses Ziel solle nun in diesem innerdeutschen Kooperationsprojekt verwirklicht werden. Historische Materialien sollten geborgen, sachgemäß gelagert, dokumentiert und bewertet werden. Eine fachgerechte Ausgabe an Interessenten sei so sichergestellt, ebenfalls eine Weiterbildung im Umgang mit historischen Materialien und Handwerkstechniken.

In Steinfurt stehe mit einem ehemaligen Gehöft ausreichend Raum zur Verfügung, der jedoch für die speziellen Zwecke wie Büros und Lagerung noch hergerichtet werden müsse. Der Fuhrpark werde nur aus einem kleinen Transportfahrzeug und einem Gabelstapler bestehen, das Gros der Transporte werde aus Wirtschaftlichkeitsgründen hauptsächlich über Lohnunternehmer abgewickelt. Einzugsgebiet für Steinfurt seien ein großer Teil Westfalens und angrenzende Teile von Niedersachsen. Neben einem Leiter, einem Techniker, einem Handwerker und einer Verwaltungskraft könnten weitere zwölf Arbeitskräfte über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt werden. Die wichtige fachliche Betreuung geschehe durch das Westfälische Amt für Denkmalpflege in Münster und das Labor für Baustoffe der Fachhochschule Münster.

Anläßlich der Bewilligungsentscheidung bezeichnete Fritz Brickwedde , Generalsekretär der Stiftung, dieses Kooperationsprojekt als "sehr nützlich". Hier würden "nicht nur wichtige Impulse für den Umgang mit instandzusetzenden Denkmälern, sondern auch Lernprozesse für die Denkmaleigentümer im Hinblick auf erforderliche Selbsthilfemaßnahmen ausgelöst". Hier werde nicht nur "ein gravierendes Defizit der denkmalpflegerischen Praxis abgebaut", hier werde "aus abfallwirtschaftlicher Sicht eine hochaktuelle Idee verfolgt". Brickwedde: "Abfallvermeidung ist eines der hochrangigen Ziele im Umweltschutz. Gerade im Bauschuttbereich gilt es, die anfallenden Abfallmengen zu senken. Mit den vorliegenden Modellprojekten sollen Wege aufgezeigt werden, einen schonenden Umgang mit historischen Baumaterialien, die als Ressourcen anzusehen sind, zu pflegen und die Wiedereinsetzbarkeit zu gewährleisten." Betroffen davon seien nicht nur Eigentümer wertvoller Kulturgüter, sondern auch die Besitzer von Altbauten.

Der Landkreis Demmin besitze, heißt es in der Pressemitteilung weiter, mit der historisch bedeutenden Wasserburg in Liepen ein geeignetes Gelände mit ausreichenden Gebäuden für die Lagerung der Baumaterialien und die Verwaltung. Auch hier seien jedoch Umbau- und Sanierungsmaßnahmen vorzunehmen. Die Personalstruktur sei dem Steinfurter Modell angepaßt. Die fachliche Betreuung werde vom Landesamt für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern und der Fachhochschule Neubrandenburg geleistet. Aus ehemaligen Beständen landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften sei ein Fuhrpark vorhanden, zukünftig sollten jedoch auch hier Fuhrunternehmer eingesetzt werden. Beide Einrichtungen sollten sich nach der Anlaufphase wirtschaftlich selbst tragen.