08.11.1994 | Mineralölschmierstoffe bald vor dem Aus? Landmaschinenhersteller testen Ökoalternative

Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen als Ersatz - Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert bundesweite Untersuchung

Osnabrück. Werden Deutschlands Landwirte in absehbarer Zukunft als Alternative zu Schmierstoffen aus Mineralöl beim Einsatz ihrer Ackerschlepper auf Schmierstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zurückgreifen können? Wird es dadurch gelingen, im Hinblick auf Boden- und Wasserschutz den beim häufigen An- und Abkuppeln ihrer mit Hydrauliköl angetriebenen Geräte unvermeidbaren Leckagen ihren Schrecken zu nehmen? - Antworten auf diese Fragen sollen Untersuchungen geben, die von der Landmaschinen- und Ackerschlepper-Vereinigung (Frankfurt), den Instituten für Landmaschinen der Technischen Universitäten Braunschweig und München sowie weiteren 15 Projektpartnern aus ganz Deutschland derzeit durchgeführt werden. Unterstützt werden sie von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück), deren Kuratorium unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Dr. Hans Tietmeyer beschloß, in einem ersten Schritt knapp 320.000 Mark zur Verfügung zu stellen. Weitere 530.000 Mark können folgen - wenn der Zwischenbericht nach der ersten Projektphase Gutes verheißt.

Um negative Auswirkungen beim Einsatz von Landmaschinen und der Lagerung von Ölen auf landwirtschaftlichen Betrieben zu minimieren beziehungsweise auszuschließen, sei es sinnvoll, stärker als bisher biologisch abbaubare Öle auf pflanzlicher Basis im Landmaschineneinsatz anzustreben, heißt es in einer Pressemitteilung der größten Umweltstiftung Europas weiter. Durch die sehr hohen Belastungen und die teilweise ungeklärten Einsatzbedingungen der Druckflüssigkeiten in modernen Getriebe- und Hydrauliksystemen könnten biologisch abbaubare Öle, sogenannte native Öle, heute nicht in allen Bereichen der Hydraulik eingesetzt werden. Darüber hinaus fehlten gesicherte Aussagen über die Eigenschaften nachwachsender Öle wie ihre Alterung, ihr Temperaturverhalten oder ihre Mischbarkeit mit anderen Ölsorten. Gerade dieser Mischbarkeit komme eine zentrale Rolle zu, da besonders in der Landwirtschaft und Landtechnik Anbaugeräte häufig von mehreren Landwirten gemeinschaftlich genutzt würden.

Ziel des von der Landmaschinen- und Ackerschlepper-Vereinigung als Interessenvertretung der deutschen Landmaschinenindustrie beantragten Projektes sei es nun, zu untersuchen, welchen Belastungen spezielle native Öle im landtechnischen Einsatz unterliegen. Außerdem solle ermittelt werden, welchen speziellen Anforderungen diese Öle für den landtechnischen Einsatz genügen müssen und wie sie den Einsatzverhältnissen gegebenenfalls angepaßt werden können. Dazu würden Traktoren und Anbaugeräte mit geeigneter Sensortechnik ausgerüstet, die Belastungen durch mit Mineralöl betriebene Maschinen untersucht und die Übertragbarkeit der Ergebnisse dieser Feldversuche auf die "natürlichen" Öle entwickelt. Dann solle die Tauglichkeit nativer Öle für die Praxis ermittelt und bei erfolgreichen Laborergebnissen in Feldversuchen getestet werden.

Zwar sei, so Fritz Brickwedde, der Generalsekretär der größten Umweltstiftung Europas, in den letzten Jahren auf dem Gebiet biologisch schnell abbaubarer Öle intensiv geforscht worden, "leider hat der praktische Einsatz aber mit der Forschung nicht Schritt gehalten". Gerade beim Einsatz von Maschinen, die in ökologisch sensiblem Umfeld betrieben würden, stellten aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellte Schmierstoffe eine "hochinteressante und notwendige Alternative zu Schmierstoffen aus Mineralöl dar". Darüber hinaus handele es sich bei diesen Ölen ja um Produkte, die auf der Basis nachwachsender Rohstoffe in landwirtschaftlicher Produktion hergestellt würden. Brickwedde: "Eine gesamtheitliche Betrachtung des Einsatzes von aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellten und in der Natur biologisch abbaubaren, nativen Schmierstoffen ist sehr zu begrüßen."

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert nach den Worten ihres Generalsekretärs die Kreativität kleiner und mittlerer Unternehmen bei der praktischen Lösung von Umweltproblemen und gibt Anreiz für ökologische Innovationen in diesen Betrieben. Brickwedde: "Die Umweltstiftung setzt durch die Förderung umwelt- und gesundheitsfreundlicher Produkte und Produktionsverfahren auf einen vorbeugenden und integrierten Umweltschutz. Sie mindert das Einstiegsrisiko für Unternehmen in umweltschonendere Produktionstechniken und fördert, was die Umwelt direkt und praktisch schützt." Gleichzeitig unterstütze sie Kooperationsprojekte in der Anwendung von Umwelttechnik und den Austausch von Wissen über die Umwelt zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und anderen öffentlichen oder privaten Stellen. Modellhaft werden auch, so Brickwedde, national wertvolle Kulturgüter im Hinblick auf schädliche Umwelteinflüsse bewahrt und gesichert. Seit Gründung der Stiftung 1990 wurden rund 1.000 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 600 Millionen Mark gefördert.

Hinweis für die Redaktionen: Beteiligt an dem Projekt sind außerdem: Amazonen-Werke H. Dreyer GmbH & Co. KG in Hasbergen; Bernhard Krone Maschinenfabriken GmbH in Spelle; Claas OHG in Harsewinkel; Franz Grimme Landmaschinenfabrik GmbH & Co. KG in Damme; Gebrüder Welger GmbH & Co. KG in Wolfenbüttel; JL Case GmbH in Neuss; John Deere, Werke Mannheim; KHD Agrartechnik GmbH in Köln; Rabewerk GmbH & Co. in Bad Essen; Schmotzer Agrartechnik GmbH in Bad Windsheim; Strautmann & Söhne GmbH & Co. KG in Bad Laer; Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, Versuchsstation Braunschweig; Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. in Darmstadt; Institut für hydraulische und pneumatische Antriebe und Steuerungen der RWTH in Aachen; Wearcheck GmbH in Brannenburg.