08.11.1994 | Für Maurerhandwerk ökologischer Durchbruch? Neuer Wabenstein soll fleißig Energie sparen helfen

Firma Rimmele in Ehingen entwickelt hochwärmedämmendes Produkt - Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) fördert mit 340.000 Mark

Ehingen. Der Mauerstein könnte der Durchbruch sein. In ökologischer und ökonomischer Hinsicht. Wenn er bei allen Neubauvorhaben in Deutschland verwendet würde, müßten im Vergleich zu herkömmlichem Material pro Jahr rund 190 Millionen Liter Heizöl weniger verfeuert werden. Das sind 38.000 Tankfüllungen, wenn man davon ausgeht, daß in einen Einfamilienhausöltank rund 5.000 Liter passen. Und ökonomisch hieße das, daß rund 385 Millionen Mark an Energiekosten eingespart würden. Mit dem Geld kann eine mittlere deutsche Kommune rund fünf Jahre lang ihre kompletten Verwaltungskosten abdecken. Entwickelt wird der hochwärmedämmende Mauerziegel, der durch seine hohe spezifische Festigkeit für sechsgeschossige Bauwerke geeignet ist, im baden-württembergischen Ehingen durch die Firma Georg Rimmele. Gefördert wird seine Entwicklung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) mit einem Finanzvolumen von knapp 340.000 Mark. Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Stiftung: "Ein solcher Stein fehlt bislang am Markt."

Nach dem bisherigen Stand der Technik geht durch herkömmliches Mauerwerk mehr Energie verloren als das gewünscht ist, heißt es in einer Pressemitteilung der größten Umweltstiftung Europas weiter. Der in der Wärmeschutzverordnung angestrebte Schwellwert von 54 Kilowattstunden pro Quadratmeter Nutzfläche und Jahr solle in einem nächsten Schritt um weitere 30 Prozent bis zum Jahr 1999 verschärft werden. Ein solcher Wert könne dann mit einer Ziegelwanddicke von 30 Zentimetern nicht mehr erreicht werden. Die Aspekte der Ressourcenschonung, der Baubiologie sowie der für die Herstellung des Steins erforderlichen Energiemenge und der tatsächlich notwendigen Heizenergie während der Nutzungsdauer seien bei ganzheitlicher ökologischer Betrachtungsweise bislang nicht in Einklang zu bringen gewesen.

Genau hier setze das Projekt an. Denn im Hinblick auf einen rationellen Energieeinsatz und die erforderliche Senkung von Kohlendioxid-Emissionen sei es das Bestreben der Firma Rimmele, einen neuartigen tonkeramischen Mauerziegel zu entwickeln, der mit einer sehr geringen Wärmeleitfähigkeit die Schwellwerte der Wärmeschutzverordnung deutlich unterbietet. Auch der Energiebedarf zur Produktion solle um etwa ein Drittel verringert werden. Was bezogen auf die für den Bau eines Einfamilienhauses benötigte Menge von Mauersteinen Energieeinsparungen im Produktionsprozeß von 30.000 Kilowattstunden entspreche - vergleichbar etwa 3.000 Litern Öl, die weniger durch die Heizung gingen.

Entwickelt werde ein Ziegel, der ein wabenförmiges Lochbild besitze. Die einzelnen Waben seien von maximal 3,5 Millimeter breiten Stegen umschlossen, die Randgestaltung werde ebenfalls wärmedämmend ausgeführt. Basis für die keramische Grundmasse sei eine Mischung aus natürlichen Tonen, Magerungsmitteln und geringen Mengen Kalk unter Zugabe von Sägemehl, Polystyrol, kurzfasrigen und chlorfreien Papierschlämmen, Holzstäuben oder Lignin aus der Zellstoffproduktion.

Neben der Aufbereitung liege im Ausformungsprozeß die wesentliche Innovation des Vorhabens, weil es bisher nicht möglich gewesen sei, störungsfrei so dünnwandige und komplexe Formen herzustellen. Auch in der Trocknungsführung und im Brennprozeß seien herkömmliche Technologien weiterzuentwickeln, um die Qualität des Produkts sicherzustellen.

Brickwedde: "Um dieses Vorhaben zu verwirklichen, muß in vielen Bereichen der Ziegeleitechnik Entwicklungsarbeit geleistet werden. Es besteht allerdings die große Chance, am Ende der 24monatigen Laufzeit ein Spitzenerzeugnis in Händen zu halten, das es der Ziegelindustrie ermöglicht, künftig die durch die Wärmeschutzverordnung gesetzten Grenzwerte zu unterschreiten."

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert nach den Worten ihres Generalsekretärs die Kreativität kleiner und mittlerer Unternehmen bei der praktischen Lösung von Umweltproblemen und gibt Anreiz für ökologische Innovationen in diesen Betrieben. Brickwedde: "Die Umweltstiftung setzt durch die Förderung umwelt- und gesundheitsfreundlicher Produkte und Produktionsverfahren auf einen vorbeugenden und integrierten Umweltschutz. Sie mindert das Einstiegsrisiko für Unternehmen in umweltschonendere Produktionstechniken und fördert, was die Umwelt direkt und praktisch schützt." Gleichzeitig unterstütze sie Kooperationsprojekte in der Anwendung von Umwelttechnik und den Austausch von Wissen über die Umwelt zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und anderen öffentlichen oder privaten Stellen. Modellhaft werden auch, so Brickwedde, national wertvolle Kulturgüter im Hinblick auf schädliche Umwelteinflüsse bewahrt und gesichert. Seit Gründung der Stiftung 1990 wurden rund 1.000 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 600 Millionen Mark gefördert.

Hinweis an die Redaktionen: Beteiligt an dem Projekt sind außerdem die Bundesanstalt für Materialprüfung in Berlin, die Technische Universität Braunschweig, das Institut für Bauphysik in Stuttgart, Firma Dr. Mergenthaler Apparatebau in Ulm, das Keramotechnische Labor Ziegelwerk in Grehl, Firma Ecoplan GmbH in Gießen, Firmen Pfeiffer und Gail GmbH in Gießen, Forschungs- und Materialprüfungsanstalt Baden-Württemberg (FMPA) in Stuttgart, Eidgenössische Materialprüfungsanstalt (EMPA) in Zürich, Fachhochschule für Bauwesen in Stuttgart, Forschungslabor für Technologie der Steine und Erden in Stuttgart, Institut für Wärmeschutz in München und Ingenieurbüro Theo Mager in Bad Dürrheim. Fraunhofergesellschaft in Stuttgart.