04.11.1994 | Blattlaus-Problem knacken: Obstbaumschädling Nummer eins soll auf keinen grünen Zweig mehr kommen

Neues Präparat auf Basis nachwachsender Rohstoffe soll Chemiespritze ersetzen - Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert mit 700.000 Mark

Hohenheim/Lahnau/Weinsberg. Die Blattlaus soll schon bald auf keinen grünen (Obst-)Zweig mehr kommen! Experten des Instituts für Phytomedizin der Universität Hohenheim, der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg sowie der Firma Trifolio-M aus Lahnau wollen dem Hauptschädling schlechthin im Obstbau und im Baumschulbetrieb entscheidend auf den "Pelz" rücken. Allerdings nicht wie bisher mit der Chemiespritze, sondern mit einem Mittel aus nachwachsenden Rohstoffen, das einen marktfähigen ökologischen Obstbau fördern und chemisch-synthetische Insektizide ablösen soll. Den Durchbruch soll ein Präparat auf der Basis von Pflanzenölen und Niem-Inhaltstoffen bringen, eine Baumart, deren Substanzen die Entwicklung und Vermehrung von Schadinsekten stark beeinflußt, gleichzeitig aber Nützlinge in hohem Maße schont. Mit knapp 700.000 Mark wird dieses Projekt in Baden-Württemberg von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) gefördert.

Blattläuse zählen in Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau zu den Insekten, die intensiv mit chemischen Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden, heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung. Im Obstbau und im Baumschulbetrieb verursachten zahlreiche Blattlausarten Schäden von entscheidender wirtschaftlicher Bedeutung. Verkümmerte Früchte seien nicht mehr vermarktungsfähig, das Triebwachstum werde gehemmt, der Fruchtansatz für das Folgejahr beeinträchtigt.

Im ökologischen Obstbau sei die Tatsache, daß Blattläuse bisher nicht befriedigend reguliert werden könnten, einer der Hauptgründe für die nur zögerliche Umstellung von Obstbaubetrieben auf eine ökologische Bewirtschaftung. Es gebe in diesem Bereich bisher einfach kein ausreichend wirksames ökologisches Mittel. Das neue Präparat solle nun zur Praxisreife entwickelt, das entsprechende Datenmaterial für eine Zulassung bei der Biologischen Bundesanstalt erarbeitet werden. Das auf der Basis der Inhaltsstoffe des Niem-Baumes, einer der wirksamsten und am besten untersuchten Naturstoffe, entwickelte Präparat solle gleichzeitig zur Regulierung der Obstbaumspinnmilbe und des Fruchtschalenwicklers eingesetzt werden.

Dieses Projekt verspreche, so Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Stiftung, interessante Ergebnisse für den ökologischen Anbau und sei bedeutend für die Schonung der Nützlingsfauna in Erwerbsobstanlagen. Brickwedde: "Es wird wichtige Daten zur Wirkung dieser Naturstoffe liefern und kann eine wesentliche Ergänzung für die Praxis im ökologischen Obstbau werden, weil eine Lücke in der umweltgerechten Kontrolle eines Schlüsselschädlings geschlossen werden kann." Zudem sei dieses Projekt ein Beispiel für eine gut konzipierte Kooperation zwischen Wissenschaft, Praxisbetrieben und einer produktentwickelnden Firma. Es bestehe großer Bedarf nach einem nützlings- und umweltschonenden Präparat mit ausreichender Wirksamkeit gegen Blattläuse. Brickwedde: "Durch einen verringerten Insektizideinsatz und eine Zunahme der ökologisch wirtschaftenden Obstbaubetriebe wird eine geringere Umweltbelastung erzielt. Eine erfolgreiche Blattlausregulierung mit Niem-Produkten kann eine wichtige Vorreiterrolle für andere landwirtschaftliche Produktionsbereiche übernehmen."

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert nach den Worten ihres Generalsekretärs die Kreativität kleiner und mittlerer Unternehmen bei der praktischen Lösung von Umweltproblemen und gibt Anreiz für ökologische Innovationen in diesen Betrieben. Brickwedde: "Die Umweltstiftung setzt durch die Förderung umwelt- und gesundheitsfreundlicher Produkte und Produktionsverfahren auf einen vorbeugenden und integrierten Umweltschutz. Sie mindert das Einstiegsrisiko für Unternehmen in umweltschonendere Produktionstechniken und fördert, was die Umwelt direkt und praktisch schützt." Gleichzeitig unterstütze sie Kooperationsprojekte in der Anwendung von Umwelttechnik und den Austausch von Wissen über die Umwelt zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und anderen öffentlichen oder privaten Stellen. Modellhaft werden auch, so Brickwedde, national wertvolle Kulturgüter im Hinblick auf schädliche Umwelteinflüsse bewahrt und gesichert. Seit Gründung der Stiftung 1990 wurden rund 1.000 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 600 Millionen Mark gefördert.