06.10.1994 | Großes Projekt für kleine ostfriesische Gemeinde: Revolutioniert Kanalnetzsteuerung Kläranlagenbau?

Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert Prototypentwicklung in Dornum im Kreis Norden mit 275.000 Mark - Umweltschonend und ökonomisch

Bonn/Norden. Können Kommunen vorwiegend im ländlichen Raum zukünftig kleiner dimensionierte Kläranlagen bauen, um ihre Reinigungsleistung zu verbessern und die arg strapazierten Bürger vor einer Explosion der Abwassergebühren zu bewahren, indem durch ein spezielles Datenerfassungs- und Steuerungsgerät der Abwasserzufluß zur Kläranlage speziell zu Spitzenzeiten ausgeglichen werden kann? - Eine Antwort auf diese große weil speziell auch für die neuen Bundesländer wichtige Frage will die kleine Samtgemeinde Dornum in Ostfriesland geben. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück hofft auf eine positive. Mit 275.000 Mark fördert sie die Entwicklung einer Schmutzwasser-Kanalnetzsteuerung für die Gemeinde im Kreis Norden. Das beschloß jetzt das Kuratorium der größten Umweltstiftung Europas unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Dr. Hans Tietmeyer in Bonn.

Zentrale oder dezentrale Abwasserentsorgung - diese Frage präge speziell die Diskussionen im ländlichen Raum, heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung. Die finanziell überlasteten Kommunen erreichten selten Anschlußgrade von über 80 Prozent ihrer Haushalte an eine zentrale Kanalisation, weil sich Investitionskosten über Abwassergebühren kaum noch finanzieren ließen. Obendrein müßten Kläranlagen für Spitzenzeiten dimensioniert sein, wenn nicht ungeklärte Abwässer in die Vorfluter gelangen und damit die Umwelt schädigen sollten. Zum Beispiel Dornum: Die 2.000-Seelen-Gemeinde habe eine auf 4.300 Einwohner ausgerichtete Kläranlage, weil sich die Einwohnerzahl im Sommer um etwa 50 Prozent erhöhe. Gelänge es aber, den Abwasserzufluß auch in den Hochzeiten auszugleichen, könnten Kläranlagen in ihrer Reinigungsleistung verstärkt und trotzdem verkleinert werden.

Um zu einem gleichmäßigeren Zufluß zu kommen, müsse das Abwasser zwischengespeichert werden. Da aber nicht jede Kläranlage über einen Stauraum verfüge, müsse dafür das Kanalnetzvolumen herangezogen werden. Mit Simulationen ließen sich Aussagen über die jeweilige Eignung des Kanalnetzes mit Blick auf einen Ausgleich des Zuflusses treffen, aus dem Ergebnis der Simulation ließen sich Steuerstrategien zur optimalen Stauraumnutzung ableiten.

Zielsetzung des Projektes in Dornum sei es nun, die Stauraumsimulation zu verfeinern und ein Steuerkonzept zu entwickeln, das als Prototyp konkret erprobt werden und ein Höchstmaß an Datentransparenz bieten soll. Generalsekretär Fritz Brickwedde: "Ein innovatives Projekt, denn Erfahrungen und Kenntnisse zu Wirkungen von Kanalnetzsteuerungen im Trennsystem liegen bisher nicht vor. Hier sollen nicht nur Kosten eingespart und Fehlinvestitionen vermieden werden, hier soll auch eine Verbesserung von Reinigungsleistungen erreicht werden."

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert nach den Worten ihres Generalsekretärs die Kreativität kleiner und mittlerer Unternehmen bei der praktischen Lösung von Umweltproblemen und gibt Anreiz für ökologische Innovationen in diesen Betrieben. Brickwedde: "Die Umweltstiftung setzt durch die Förderung umwelt- und gesundheitsfreundlicher Produktionsverfahren auf einen vorbeugenden und integrierten Umweltschutz. Sie mindert das Einstiegsrisiko für Unternehmen in umweltschonendere Produktionstechniken und fördert, was die Umwelt direkt und praktisch schützt." Gleichzeitig unterstütze sie Kooperationsprojekte in der Anwendung von Umwelttechnik und den Austausch von Wissen über die Umwelt zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und anderen öffentlichen oder privaten Stellen. Modellhaft werden auch, so Brickwedde, national wertvolle Kulturgüter im Hinblick auf schädliche Umwelteinflüsse bewahrt und gesichert. Seit Gründung der Stiftung 1990 wurden insgesamt über 950 Projekte mit einem Gesamtvolumen von über 550 Millionen Mark gefördert.