14.09.1994 | Ostdeutschlands Kulturdenkmäler vor endgültigem Verfall bewahren

Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert Weiterentwicklung der Acrylharz-Volltränkung mit knapp 1,4 Millionen Mark

Bamberg/Großsedlitz/Merseburg/Magdeburg. Gipskrusten, Schalenbildung, Abwitterungen an Kalk- und Sandstein und Kernauflockerungen bei Marmor - für viele wertvolle Plastiken in historischen Gärten, Kirchen und Schlössern speziell in den ostdeutschen Bundesländern sind diese durch Umweltbelastungen entstandenen Schäden häufig ein untrügerisches Zeichen: Rettung der wertvollen Objekte ausgeschlossen. Doch Hoffnungen, schwergeschädigte Plastiken und Skulpturen der Nachwelt dennoch erhalten zu können, sind jetzt nicht mehr unbegründet. Das Kuratorium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) beschloß unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Dr. Hans Tietmeyer, der Firma Ibach in Bamberg (Bayern) die Möglichkeit zu geben, ihr Acrylharz-Volltränkungsverfahren speziell mit Blick auf die extrem umweltgeschädigten Steinplastiken in Ostdeutschland weiterentwickeln zu können. Modellhaft angewendet werden soll das Verfahren dann - auch zur Schulung einheimischer Restauratoren - an einigen national wertvollen Kulturdenkmälern: den Plastiken im Park Großsedlitz, der romanischen Kapitelle und Teilen des Kreuzganges im Kloster Unserer Lieben Frauen in Magdeburg und dem Stadtfriedhof St. Maximi in Merseburg. Finanzielles Engagement der Stiftung: knapp 1,4 Millionen Mark.

Seit Jahren bemühten sich Wissenschaftler und Denkmalpfleger, Schutzmaßnahmen am Stein zu verbessern, heißt es in einer Presseinformation der größten Umweltstiftung Europas weiter. Ziel ihrer Bemühungen sei die den Umweltbelastungen direkt ausgesetzte Oberfläche des Steins. Schwierigkeiten physikalischer und chemischer Art ergäben sich dadurch häufig im Inneren des Steines. Einen anderen Weg habe die Firma Ibach eingeschlagen, die ein Volltränkungsverfahren mit Acrylharz entwickelt habe. Unter Vakuum und Druck werde der Stein völlig durchdrungen, der weitere Verwitterungsprozeß sei im wesentlichen gestoppt. Zwar bedeute dieses Verfahren einen erheblichen Eingriff in die Substanz des Denkmals, doch sei die Acrylharztränkung die bisher einzige Methode, schwergeschädigte Plastiken und Skulpturen überhaupt noch der Nachwelt zu erhalten.

Die nun in den ostdeutschen Bundesländern vorgefundenen extremen Schadensbildungen machten jedoch eine Weiterentwicklung des bisherigen Verfahrens notwendig. Ein groß aufgelegtes Untersuchungsprogramm mit Problemgestein solle zur Optimierung des Verfahrens beitragen. Flankierend sollten die restauratorischen Maßnahmen zur Schulung einheimischer Restauratoren für die speziellen Erfordernisse des Verfahrens dienen.

Zur Dokumentation, Ultraschalluntersuchung und anschließenden Tränkung würden die Plastiken nach Bamberg transportiert. Weitere, spezielle Untersuchungen größerer Institute und Labore würden sich anschließen. Am Ende solle ein verbessertes Verfahren stehen, das sowohl auf die hohe Schadensintensität als auch auf die in den ostdeutschen Bundesländern vorgefundenen Gesteinsarten besser reagieren könne. In Abstimmung mit den Landesdenkmalämtern Sachsen und Sachsen-Anhalt sei schließlich die Entscheidung für diese drei national wertvollen Kulturgüter gefallen.

Die Parkanlage Großsedlitz - von August dem Starken angelegt - gehöre neben Moritzburg und Pillnitz zu den über Sachsen hinaus bekannten Residenzen Augusts des Starken, das Kloster Unserer Lieben Frauen in Magdeburg, Anfang des 11. Jahrhunderts erbaut, zu den bedeutendsten hochmittelalterlichen Baudenkmälern Sachsen-Anhalts. Seine historische Stellung sei mit den Anfängen des Prämonstratenserordens verbunden. Der Stadtfriedhof St. Maximi in Merseburg, im 16. Jahrhundert angelegt, zähle zu den kunstgeschichtlich herausragendsten Friedhöfen Ostdeutschlands. Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt: "Für diese Einzeldenkmale ist abzuschätzen, daß diese Konservierungsmethode die letzte Möglichkeit zum Erhalt bedeutet. Sie ist die einzige Möglichkeit einer Rettung, bei der das Original nicht nur dauerhaft erhalten, sondern sogar im Außenraum wieder aufgestellt werden kann. Diese national bedeutenden Kulturdenkmäler wären sonst unrettbar verloren."

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert nach den Worten ihres Generalsekretärs die Kreativität kleiner und mittlerer Unternehmen bei der praktischen Lösung von Umweltproblemen und gibt Anreiz für ökologische Innovationen in diesen Betrieben. Brickwedde: "Die Umweltstiftung setzt durch die Förderung umwelt- und gesundheitsfreundlicher Produktionsverfahren auf einen vorbeugenden und integrierten Umweltschutz. Sie mindert das Einstiegsrisiko für Unternehmen in umweltschonendere Produktionstechniken und fördert, was die Umwelt direkt und praktisch schützt." Gleichzeitig unterstütze sie Kooperationsprojekte in der Anwendung von Umwelttechnik und den Austausch von Wissen über die Umwelt zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und anderen öffentlichen oder privaten Stellen. Modellhaft werden auch, so Brickwedde, national wertvolle Kulturgüter im Hinblick auf schädliche Umwelteinflüsse bewahrt und gesichert. Seit Gründung der Stiftung 1990 wurden über 950 Projekte mit einem Gesamtvolumen von über 550 Millionen Mark gefördert.