Osnabrück. "Durch diesen neuen Lösungsansatz wird nicht nur die Umwelt geschont. Er verspricht auch eine Verringerung der Einbußen in der Bierbrauerbranche um zehn Prozent. Das entspricht einer Wertschöpfung von rund 50 Millionen Mark. Damit wird deutlich, dass ökologische Problemlösungen auch ganz konkrete ökonomische Vorteile nach sich ziehen können." - Mit diesen Worten übergab Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, dem Mikrobiologen Professor Karlheinz Altendorf (Universität Osnabrück) das Bewilligungsschreiben, mit dem ein Vorhaben umweltfreundlicher Bierabfüllung ins Leben gerufen wird. Rund 1,4 Millionen Mark steckt die Stiftung in dieses innovative Projekt, an dem auch die Universität Duisburg (Professor Hans-Curt Flemming) und die Brauereien Rolinck, Steinfurt, sowie Bitburger beteiligt sind.
Deutschlandweit entstünden Kosten in Höhe von mehreren hundert Millionen Mark pro Jahr: sogenannte Biofilme, das sind Schleime von Mikroorganismen, führten zu Verstopfung von Filtern und Ventilen, Korrosion und hygienischen Problemen. Davon betroffen seien insbesondere die Pharma-, die Lebensmittel- und die papiertechnische Industrie. Eine weit verbreitete Gegenmaßnahme sei die vorbeugende Überdosierung von Desinfektionsmitteln, die beträchtliche Umweltbelastungen mit sich bringe.
Statistisch habe jeder Deutsche 131 Liter Bier im Jahr 1997 getrunken. Um ein Produkt abzufüllen, das aus hygienischer Sicht allen Ansprüchen gerecht wird, müsse vor allem im Abfüllbereich der Brauereien ein nicht unerheblicher mechanischer und chemischer Reinigungsaufwand betrieben werden.
Dementsprechend bewege sich die Menge an Desinfektionsmitteln, die für die Reinigung und Desinfektion von Abfüllanlagen in Brauereien jährlich eingesetzt werden müssen, im Bereich von mehreren hunderttausend Kilogramm, wie Prof. Altendorf verdeutlichte. Dabei komme es nicht nur zu Belastungen des Abwassers und unter Umständen auch zu verstärkter Korrosion, sondern vielfach auch zu Beeinträchtigungen nachgeschalteter Kläranlagen, da die unspezifische abtötende Wirkung der Desinfektionsmittel auch diejenigen erwünschten Mikroorganismen treffen könne, die für die Abwasserreinigung verantwortlich seien.
Durch erstmaligen Einsatz neuartiger optischer Sensoren zur Überwachung der Biofilmbildung im Produktionsprozess und Identifikation der beteiligten Mikroorganismen durch molekularbiologische Methoden werde es möglich sein, Reinigungs- und Desinfektionsmittel zur Verbesserung der Hygiene von Oberflächen bei Abfüllanlagen gezielt und nur zu ganz speziellen Zeitpunkten einzusetzen. Damit könne eine bis zu 50prozentige Verringerung des Biozideinsatzes erzielt werden.
Darüber hinaus sei eine etwa 20prozentige Senkung des Energieaufwands erreichbar, der für die Reinigung des Prozesssystems mit Heißwasser erforderlich sei, erläuterte Prof. Flemming den produktionsintegrierten Lösungsansatz. "Unser Ansatz läutet ein neues Verständnis für den Umgang mit diesen schleimbildenden Mikroorganismen ein. Statt neue Wundermittel zur Totalbekämpfung zu suchen, verfolgen wir die Devise, mit Biofilmen zu leben."
Vor dem Hintergrund der derzeit bestehenden deutschlandweiten Einbußen der Bierbrauerbranche (Jahresumsatz 17 Milliarden Mark) in Höhe von rund 500 Millionen Mark würden die Ergebnisse dieses Vorhabens mit besonderer Spannung erwartet. Brickwedde: "Diese Vorgehensweise ist beispielhaft für andere Industriezweige mit Biofouling-Problemen; ich denke hier an weitere Branchen der Lebensmittelindustrie sowie die Wasseraufbereitung, Wärmetauschertechnik und die Herstellung von Farben, Lacken und Kosmetika".