Schlungwitz / Osnabrück. Gehäuse von Elektrowerkzeugen oder Kolbenteile für Gurtstraffer, die im Falle eines Autounfalls explosionsartig menschliches Leben retten, werden möglicherweise in Zukunft aus Kunststoffen gegossen, die zur Stabilisierung nicht mehr länger mit umweltschädlichen Glasfasern, sondern mit Naturfasern aus Flachs und Hanf durchwebt sind - und dennoch genauso stabil sind. Mit einer Förderung von knapp 800.000 Mark will die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) das Sprengstoffwerk Gnaschwitz im sächsischen Schlungwitz in Kooperation mit der Carl Pohl Textil- und Thermoplastherstellung in fort (Brandenburg) und der Landwirtschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg (Sachsen-Anhalt) in die Lage versetzen, dieses neuartige Kunststoff-Naturfaser-Gemisch als Basis für Spritzgießteile zu entwickeln und zur Produktionsreife zu führen.
Der Generalsekretär der Stiftung, Fritz Brickwedde, erläuterte heute vor Journalisten in Dresden den besonderen Modellcharakter dieses Projektes. Der Einsatz von Glasfasern habe viele Aspekte, die unter Umweltgesichtspunkten kritisch zu sehen seien. Ihre Verarbeitung könne bei Arbeitern im Produktionsprozeß zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Einatmen führen, Glasfaserprodukte müßten als Sondermüll entsorgt werden und die Glasfaser verschleiße durch ihre aggressive Härte Maschinen schneller, die für ihre Verarbeitung benutzt würden. Wenn es dagegen gelänge, die Glasfasern durch Naturfasern zu ersetzen, würde hier in einem ressourcenschonenden Produktionsprozeß ein nachwachsender Rohstoff zu einem hochwertigen, langlebigen Produkt verarbeitet - und die Produkte würden am Ende noch 30 Prozent leichter.
Um dieses Ziel zu erreichen, seien eine Reihe von Schritten zu verwirklichen. Zunächst einmal müßten die Fasern, die in der Mischung mit dem Kunststoff zum Einsatz kommen sollen, genau bestimmt werden. Hier gehe es etwa um die Frage der Dicke der Faser und ihrer Wasseraufnahmefähigkeit. Es müsse aber auch getestet werden, wann Hanf und Flachs geerntet werden müßten, um die geforderte Qualität zu sichern. Schließlich gehe es auch um Fragen der Reißfestigkeit und Dehnbarkeit. Im Sinne einer umweltgerechten Nutzung von Hanf und Flachs solle auch untersucht werden, ob neben der Nutzung der Pflanzenstengel für die Fasern auch die Samen für die Herstellung von Speiseöl oder technischem Öl genutzt werden könnten.
Im zweiten Schritt gehe es dann um das quantitative Mischungsverhältnis zwischen Kunststoff und zugesetzter Naturfaser. Die Fasern müßten aber auch gleichmäßig verteilt sein, die Mixtur müsse einen gewissen mechanischen Druck aushalten, aber auch gewisse Temperaturen. Flammwidrigkeit, Entzündbarkeit, Dehnbarkeit, Schlagzähigkeit - das alles seien Faktoren, die in unterschiedlichen Versuchsvarianten getestet werden müßten. Schließlich gehe es im dritten Schritt um eine möglichst breite Einsetzbarkeit der entwickelten Masse in der herkömmlichen Maschinentechnik und ihre Auswirkungen auf die Maschinen. Dabei hoffe die Stiftung, daß durch Verzicht auf die aggressiven Glasfasern die heute noch üblichen Schutzüberzüge für die Maschinen erübrigt werden könnten, die Technik damit auch länger halte.
All das werde durch ständige Tests und Vergleiche mit glasfaserverstärkten Kunststoffen kontrolliert, Aussagen zur Leistungsfähigkeit und Ökobilanzen der neuen Stoffe erstellt. Brickwedde: "Da der Projektschwerpunkt auf der technologischen Umsetzung unter Verwendung herkömmlicher Maschinen beruht, ist zu erwarten, daß die Ergebnisse verallgemeinert und in der Kunststoffindustrie generell verwendet werden können."