06.10.1999 | "Höchste Zeit, dass sich die etablierte Technik den Erfahrungsschatz der Natur noch intensiver zu Eigen macht"

Deutscher Umweltpreis 1999: Einzelwürdigung Prof. Dr. Wilhelm Barthlott

Osnabrück / Berlin. "Ihr Verdienst ist es, dass klassische Biologie und moderne Technik mit der Bionik zum Wohl von Mensch und Umwelt einen zukunftsweisenden, gemeinsamen, neuen Weg gehen können. Es ist Ihnen gelungen, den Selbstreinigungseffekt von Pflanzen wie der Lotus-Blume für eine breite technische Anwendung nutzbar zu machen. Dadurch werden ökologisches, ökonomisches und technisches Denken so vernetzt, dass nachhaltige, zukunftsfähige Lösungen für unsere Umweltprobleme entstehen." - Mit diesen Worten würdigte heute Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, die Vergabe des Deutschen Umweltpreises 1999 der Stiftung an Professor Dr. Wilhelm Barthlott, Direktor des Botanischen Instituts und des Botanischen Gartens der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Die Bionik sei das Lernen von der Natur als Anregung für eigenständiges technisches Gestalten, erläuterte Brickwedde vor Journalisten in Berlin. Sie befasse sich mit der technischen Umsetzung und Anwendung von Konstruktionen, Verfahren und Entwicklungsprinzipien nach biologischem Vorbild, ohne sich dabei auf deren reine Kopie zu beschränken. Erforderlich sei die Schaffenskraft von Wissenschaftlern und Ingenieuren, um nach dem Studium biologischer "Strickmuster" zu Anregungen zu gelangen für technische Weiterentwicklungen.

Natürliche Lösungen seien viel besser der Umwelt angepasst als die meisten technischen Ansätze. Die Natur erreiche ihre Ziele etwa mit einem Minimum an Energie. Also sei es nur konsequent, sich dieses Lehrmeisters zu bedienen: Bugformen moderner Schiffe würden der Schnauze von Delfinen oder Windkraftanlagen Vogelflügeln nachempfunden. Im ersten Beispiel würden zehn Prozent Energie gespart; im zweiten Fall 18 Prozent bei einer um 16 Prozent verbesserten Wirkung.

Professor Dr. Wilhelm Barthlott sei es mit Hilfe eines durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt geförderten Projektes gelungen, den Lotus-Effekt nachzuweisen und technisch nutzbar zu machen. Er habe festgestellt, dass nicht extrem glatte, sondern mikroraue Oberflächen sauber blieben. An der Blattoberfläche der Lotusblume etwa könnten sich weder Dieselruß, noch Farbreste oder gar Klebstoff lange halten. Schon der Morgentau reiche aus, die Blätter wieder reinzuwaschen.

Dieser Effekt könne - technisch umgesetzt - für das Herstellen von Gebäudefassaden und -verglasungen, Dächern, Lacken, Folien, Schiffen und Autos verwendet werden und von volkswirtschaftlicher Bedeutung sein. Tatsächlich sei es bereits gelungen, eine Fassadenfarbe nach diesem Prinzip auf den Markt zu bringen, noch in diesem Jahr würden Tondachziegel nach dem Lotuseffekt produziert werden. Diese Beispiele dokumentierten das hohe Interesse der Wirtschaft an der technischen Umsetzung des Lotus-Effekts. Barthlotts Forschungsarbeit habe deutschen Wissenschaftlern und Unternehmen einen Vorsprung auf diesem Gebiet gesichert und könne langfristig auch umweltverträgliche neue Arbeitsplätze schaffen.

Brickwedde: "Die ernsthafte Übertragung und Anwendung von Naturstrategien kann wesentlich dazu beitragen, das Überleben der Menschheit mit Hilfe neuer Technikansätze zu sichern. Es ist höchste Zeit, dass sich die etablierte Technik den Erfahrungsschatz der Natur noch intensiver zu Eigen macht und damit ein harmonisches Verhältnis zur Umwelt herstellt."

Barthlott wurde am 22. Juni 1946 in Forst in Baden-Württemberg geboren. Nach dem Studium der Biologie und Geographie an der Universität Heidelberg arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Systematische Botanik und Pflanzengeographie der Universität Heidelberg (1974 bis 1981). 1981 habilitierte er an derselben Universität und untersuchte das Phänomen der selbstreinigenden Oberflächen. Diese Arbeit führte schließlich zur Übertragung des Lotus-Effekts auf technische Anwendungen. 1985 wurde er an die Universität Bonn gerufen. Dort baute er einen neuen Lehrstuhl mit entsprechendem Lehr- und Forschungsprogramm auf. Er arbeitete mit an der Errichtung eines neuen Aufbaustudiengangs "Ökologie und Umwelt" sowie eines "Internationalen Zentrums für Entwicklungsforschung". Den Botanischen Garten der Universität Bonn baute er aus und modernisierte ihn. Barthlott ist Mitglied mehrerer nationaler und internationaler Komitees und mit verschiedenen angesehenen Preisen ausgezeichnet.