Bonn. Der mit einer Million Mark höchstdotierte Umweltpreis Europas, der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, ist zum fünftenmal vergeben. Aus der Hand von Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel nahmen heute in der Bonner Bundeskunsthalle Dr.-Ing. Joachim Paul (50) für die Firma Integral Energietechnik (Flensburg, Schleswig-Holstein), der Unternehmer Dr. Michael Otto (54, Hamburg) und der Wissenschaftler Professor Dr. Bernhard Ulrich (71, Waake bei Göttingen, Niedersachsen) die Auszeichnung der größten Umweltstiftung Europas entgegen. Bundesbankpräsident Professor Dr. Hans Tietmeyer als Vorsitzender des Stiftungskuratoriums verband mit der Ehrung die Hoffnung, "daß ihr Beispiel eine Ermutigung für viele Menschen in Wissenschaft, Vereinen und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen ist, in ihrem Bemühen um die Verwirklichung des Leitbildes einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise vor allem im Interesse künftiger Generationen nicht nachzulassen."
Tietmeyer hatte vor rund 1.000 Gästen darauf hingewiesen, daß die Stiftung in ihrer sechsjährigen Fördertätigkeit knapp 2.600 Umweltschutzprojekte mit einem Volumen von 1,2 Milliarden Mark unterstützt habe. Drei für die Stiftungsarbeit wichtige Themen spiegelten sich auch bei den diesjährigen Umweltpreisträgern wider: Klimaschutz, Wald und Umweltmanagement. So habe die Stiftung im Bereich des Klimaschutzes bisher rund 400 Projekte mit rund 180 Millionen Mark gefördert.
Nachdem der stellvertretende Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Michael Vesper, die Gäste begrüßt hatte, hielt Dr. Ulrich Steger, Professor für Umweltmanagement am Internationalen Institut für Management Development in Lausanne und Mitglied der Jury des Deutschen Umweltpreises, die Laudatio auf die Preisträger.
Steger skizzierte Prof. Dr. Ulrich als einen der Väter der Ökosystemforschung, dem es trotz der "disziplinären Betonierung deutscher Universitäten" gelungen sei, in seinem Göttinger Forschungszentrum für Bodenkunde und Waldernährung verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zusammenzuführen. Entscheidend sei gewesen, daß er Ein-zelerkenntnisse so verknüpft habe, daß daraus eine ganzheitliche und prüfbare Sicht des Ökosystems Boden entstanden sei. Dabei sei ihm sein Bemühen, wissenschaftliches Neuland zu betreten, von der eigenen Kollegenschaft nicht gerade honoriert worden.
Doch Ulrich habe sich nicht im "universitären Elfenbeinturm" zurückgezogen, sondern sich dafür engagiert, daß aus den Erkenntnissen gegen die verschiedenen Lobbygruppen auch politische Konsequenzen gezogen worden seien. Steger: "Es hat sich gelohnt: nicht nur wissenschaftlich hat sich die Ökosystemforschung durchgesetzt, seine Forschungen haben zu umfassenden Maßnahmen der Luftreinhaltung in Deutschland und ganz Europa beigetragen."
Als "Innovator" und "weltweiten Technologieführer" bewertete Steger die Flensburger Firma Integral Energietechnik. An ihr fasziniere zunächst die "Trivialität des Revolutionären", Wasser als das Kühlmittel der Natur für die industrielle Kältetechnik einzusetzen. Denn nach der Lehrbuchmeinung sei es dafür ungeeignet. So habe es erheblicher Innovation bedurft, um Wasser doch für diesen Zweck nutzbar zu machen. Immerhin sei so eine neue Technologie entstanden, "die von der konventionellen Kältetechnik ungefähr so weit entfernt ist wie beim Transport die Dampflok vom Jumbo-Jet".
Überzeugt worden sei die Jury aber auch von der ökologischen Breitenwirkung der Innovation, denn die industrielle Kältetechnik sei doch ein erheblicher Energieverbraucher. Konventionelle Kältemittel trügen etwa über Verdunstung und Leckagen zusätzlich zum Treibhauseffekt bei. Schließlich habe die Unternehmensstrategie die Jury beeindruckt, denn Integral-Geschäftsführer Paul habe getreu seinem Motto "Ein Weg entsteht dadurch, daß man ihn geht" einen Vorstandsposten aufgegeben, weil der Konzern nicht bereit gewesen sei, "die ausgetretenenen Pfade der Kältetechnik zu verlassen". So sei ohne öffentliche Fördermittel ein Unternehmen entstanden, das sich in seiner Kernkompetenz als technologischer Entwickler verstehe.
Als "erstklassigen Öko-Pionier" würdigte Steger den Vorstandsvorsitzenden des Otto Versandes, Dr. Otto. Aufbauend auf einem sehr professionellen, integrierten Umweltmanagementsystem habe er die Umweltbelastungen in der gesamten Logistikkette seines Konzerns abgesenkt. Seit 1993 sei die Kohlendioxid-Belastung um 30 Prozent verringert worden, indem etwa auf umweltverträglichere Verkehrsträger für den Warentransport umgestellt worden sei. Dieses Konzept gehöre, so Steger, "zu den zwei besten Konzepten, die ich weltweit gesehen habe". Gelungen sei es Otto aber auch, den Kunden zu motivieren, beim Kaufen an den Umweltschutz zu denken. Und wenn man wisse, wie schwierig das sei, seien die kontinuierlichen Anstrengungen um so bemerkenswerter, bei Textilien oder bei Haushaltsgeräten die ökologische Marktführerposition auszubauen und bestimmte Produkte erst gar nicht anzubieten.
Neben dem unternehmerischen sei aber auch ein gesellschaftspolitisches Engagement notwendig gewesen, um mit dem Umweltpreis ausgezeichnet zu werden. Otto habe eine Stiftung gegründet, die mit einem Volumen von jährlich 1,5 Millionen Mark Umweltprojekte fördere, sich selbst aber auch eingebracht, als er in der Frage des Elbausbaus einen Konsens zwischen den widerstreitenden Interessen des Bundesverkehrsministeriums und der Umwelt- und Naturschutzverbände herbeigeführt habe.
Auch Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel würdigte die Preisträger als Personen, die einen Beitrag zur Versöhnung von Ökologie und Sozialer Marktwirtschaft geleistet hätten. Ihre Beispiele machten Mut und ermunterten Menschen, die Herausforderungen der Zukunft beherzt anzugehen. Sie stünden für Kreativität und Innovationsfreude am Standort Deutschland. Technischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum seien nämlich keine Gefahr für die Umwelt. Dort, wo die Not am größten sei, sei auch der Umgang mit der Natur am rücksichtslosesten. Daher sei es kein Zufall, daß die deutsche Entwicklungshilfe derzeit rund eine Milliarde Mark direkt für den Umweltschutz ausgebe. Auch in Deutschland sei Umweltschutz aber ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor, seien doch Ende des Vorjahres rund 960.000 Menschen im Umweltschutz beschäftigt gewesen.
Professor Dr. Ulrich hob in seiner Dankesrede hervor, daß der Mensch bewußt oder unbewußt durch seine Wirtschafts- und Sozialsysteme in die Umwelt eingreife. So könne es zu Umweltveränderungen kommen, die schon in wenigen Jahrhunderten globale Umweltveränderungen nach sich ziehen könnten, die die Anpassungsfähigkeit des Menschen übersteigen. Ziel wirtschaftlicher Entwicklung müsse es sein, Menschen ein Leben auf einem menschenwürdigen, Wohlbefinden gewährleistenden Niveau zu sichern.
Diesem Ziel könne sich die Gesellschaft nur nähern, wenn sie existierende Empfehlungen zu umweltverträglichem Wirtschaften praktisch umsetze. Dazu müsse sie umweltschonende Technologien entwickeln und das Kapitalinteresse dem langfristigen gesamtgesellschaftlichen Interesse unterordnen. Verdränge die Gesellschaft die Umweltprobleme, würden sie nur größer und schwerer lösbar. Da wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklungen miteinander vernetzt seien, müsse ein ganzheitliches, abgestimmtes Handeln entwickelt werden. Ulrich: "Hier sind Politik und Wirtschaft in der Verantwortung, das bisher Erreichte genügt nicht."
Für die Firma Integral betonte Dr.-Ing. Paul, Deutschland benötige wieder mehr Mut zur Spitzenklasse. Paul forderte die Vermittlung eines wieder breit angelegten Wissens in den Schulen und Hochschulen. Viele Erfindungen, kritisierte Paul, würden erfolgreich zunächst außerhalb Deutschlands und Europas in die Praxis und damit in Geschäftserfolg umgesetzt. Auch die eigene, nun ausgezeichnete Integral-Technik habe zuerst im Ausland akzeptiert werden müssen, bevor eine Ausbreitung im eigenen Lande erfolgt sei. Paul: "Machen wir Visionen salonfähig und schaffen wir ein Klima der Begeisterung für Sinnvolles und Neues."
Dr. Otto wies in seiner Dankesrede darauf hin, daß man nur durch die Beeinflussung des Gesamtsystems dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung gerecht werden könne. Der Naturverbrauch für alle wirtschaftlichen Prozesse dürfe die Reproduktionsfähigkeit der Natur nicht übersteigen. Und daraus folge die große Aufgabe unserer Generation, die Wirtschaft so zu entwickeln, daß die menschlichen Bedürfnisse befriedigt werden, ohne die natürlichen Grundlagen, von denen sie abhängt, zunichte zu machen. Unser Wirtschaften müsse Maß nehmen am Haushalt der Natur.
Nicht nur im Unternehmen wolle er der Erkenntnis zum Durchbruch verhelfen, daß Ökologie und Ökonomie zusammen paßten. Auch die Aktivitäten der Michael Otto-Stiftung setzten hier an. Neben der Fördertätigkeit zum Schutz und Erhalt der Lebensgrundlage Wasser wolle die Stiftung dazu beitragen, daß der Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen über die Belange von Umwelt und Natur verbessert werde.