Hamburg. "Professor Dr. Ulrich hat als einer der ersten in der Welt frühzeitig und wissenschaftlich fundiert die Gefahren für die Wälder durch von Menschen verursachte Umweltverschmutzungen erkannt und öffentlich davor gewarnt. Er hat den Wald nicht als Summe seiner Bäume, sondern als Waldökosystem verstanden und wissenschaftlich bearbeitet. Er hat dafür gesorgt, daß das Bewußtsein um mögliche Schädigungen unserer Wälder nicht nur in Wissenschaftszirkeln Eingang gefunden hat. Er ist einer der führenden Köpfe der Waldschadensforschung in Deutschland und Europa. " - Mit diesen Worten würdigte heute in Hamburg Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, die Verleihung des Deutschen Umweltpreises 1997 der Stiftung an den ehemaligen Leiter des Göttinger Ökosystemforschungszentrums, Professor Dr. Bernhard Ulrich (71) aus Waake bei Göttingen, der für seine wissenschaftliche Lebensleistung ausgezeichnet wird.
Vor Medienvertretern in Hamburg ging Brickwedde auf das Lebenswerk Ulrichs ein. Er habe über 30 Jahre lang die Stoffkreisläufe in Wäldern in den Mittelpunkt seiner Forschung gestellt. Seine Arbeiten, die mit Untersuchungen von Waldbeständen im Solling begonnen hatten, hätten gezeigt, daß Böden nicht - wie bis dahin angenommen - statische, sondern sich rasch verändernde Systeme sind, die empfindlich auf gewollte und ungewollte Eingriffe des Menschen reagieren. Im Frühjahr 1979 habe Ulrich als erster die Gefährdung der Wälder wie auch der aus ihnen gespeisten Wasserhaushalte erkannt und in vollem Bewußtsein um die damit zusammenhängende Kritik öffentlich Position bezogen. Seine Untersuchungen hätten bewiesen, daß zivilisatorische Umwelteinflüsse den natürlichen Stoffkreislauf der Wälder erheblich verändern können, eine ungebremste Belastung der Natur zu Schäden ungewöhnlichen Ausmaßes der unmittelbaren Umwelt führt und deshalb für eine Ethik der Verantwortung plädiert.
Auf Grundlage seiner eigenen Arbeiten und der seiner Schüler habe Ulrich erstmals eine umfassende Theorie des Stoff- und Energieumsatzes in Waldökosystemen entwickelt. Auf seiner Ökosystemtheorie fuße die moderne Ökosystemforschung, die im In- und Ausland eine Fülle von Arbeiten nicht nur im Bereich der forstlichen Ökologie, sondern ebenso in der Landschafts- und Naturforschung sowie in der Erforschung der Gewässer nach sich gezogen habe. Um der Komplexität seines Arbeits- und Forschungsgebietes gerecht zu werden, habe Ulrich das Zentrum für Ökosystemforschung in Göttingen initiiert und aufgebaut, in dem in einer von Teamgeist, Kooperationsbereitschaft und Diskussionsfreudigkeit geprägten Atmosphäre interdisziplinär geforscht werde.
Die Ergebnisse seien eine wichtige Basis für Entscheidungen im Forst- und Landschaftsmanagement sowie in der Umwelt- und Forstpolitik gewesen. Ulrichs Forderung nach Verminderung der Schwefelsäureeinträge aus der Luft zum Schutz des Bodens seien letztlich Grundlage für eine beschleunigte Vorbereitung und Verabschiedung der Großfeuerungsanlagenverordnung 1983 gewesen. Wenn heute in Deutschland ca. 80 Prozent weniger Schwefeldioxid-Emissionen festzustellen seien als in den siebziger Jahren und der Wald damit eine nachhaltige Entwicklung erfahren habe, sei das mit ein Verdienst von Professor Ulrich. Seine Arbeiten zu Schwermetalleinträgen in Böden hätten wesentlich die Einführung bleifreien Benzins beschleunigt. Ulrich habe frühzeitig auf die Notwendigkeit der Kalkung saurer Waldböden hingewiesen. Brickwedde: "Zur Zeit werden alljährlich etwa drei Millionen Hektar Wald gekalkt. Die Grundlagen hierzu wurden von Professor Ulrich und seinen Mitarbeitern gelegt."
Insgesamt habe Professor Dr. Ulrich in der Umweltforschung viel bewegt, so Brickwedde. Dazu notwendig gewesen seien allerdings ein hohes Innovationspotential, sehr viel Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen. Mit diesen Tugenden ausgestattet, habe Ulrich im wahrsten Sinne des Wortes "Früherkennung" betrieben. Brickwedde: "Auch wenn er stark unter den teilweise sehr heftigen Angriffen gegen seine Person und seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit litt, war er in der Lage, der Debatte um das Waldsterben die Dimension einer Ökosystemdebatte zu verleihen, in der vor allem die Frage zu beantworten ist, welche Strategie eine Gesellschaft wählen soll, wenn sie weder über eine lückenlose Beweiskette noch über garantierte Erfolgsrezepte verfügt." Ulrich jedenfalls habe wichtige Anstöße gegeben und eine "Pionierleistung erbracht in der wissenschaftlichen Erforschung der Versauerung von Böden, eines der größten Umweltprobleme dieses und vermutlich auch des nächsten Jahrhunderts".