Tönning. In Schleswig-Holstein soll versucht werden, mit neuen Methoden breiten Bevölkerungsschichten die zentrale Bedeutung des Wattenmeeres als eine der letzten großräumigen Naturlandschaften Europas griffig zu vermitteln. Das Kuratorium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, beschloß jetzt unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Prof. Dr. Hans Tietmeyer in Bonn, der Stadt Tönning in Zusammenarbeit mit dem Nationalparkamt Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer für den Bau eines Informationszentrums rund 4,9 Millionen Mark zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Kooperationsprojekt des Landes Schleswig-Holstein, des Bundesamtes für Naturschutz, der Stadt Tönning, des Kreises Nordfriesland und der Umweltstiftung werden die räumlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, Verständnis für die Arbeitsweisen und Ziele der Wissenschaft im Lebensraum Wattenmeer zu wecken und die Kluft zwischen vorhandenem Spezialistenwissen und tatsächlichem Handeln einer breiten Öffentlichkeit zu verringern, erläuterte heute Stiftungsgeneralsekretär Fritz Brickwedde.
Einsicht in ökologisch notwendige Maßnahmen und Gesetze sei, so Brickwedde, Voraussetzung für deren Durchsetzung. Ohne Verständnis und Verhaltensänderungen des Menschen sei langfristig ein Natur- und Umweltschutz nicht erreichbar. Der breiten Öffentlichkeit blieben jedoch die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung weitgehend unverständlich. Für die vielschichtigen Wirkungszusammenhänge der Natur fehlten der Zugang und das leichte Verständnis, ohne das eine Überprüfung oder Änderung eigenen Verhaltens ausbleibe.
Das neue Bildungs- und Informationszentrum solle dauerhafte, wissenschaftliche Beobachtungen des Wattenmeeres einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. Zielgruppen seien Touristen und Einheimische, aber auch Multiplikatorengruppen wie Lehrer, Medienvertreter und Reiseveranstalter. Die Leitidee bestehe in der anschaulichen, bürgernahen Vermittlung von Wirkungsketten etwa an Miesmuschel, Sandgarnele, Flunder, Aalmutter, Austernfischer und Flußseeschwalbe. Durch eigenes Entdecken und forschendes Nachempfinden solle der nichtwissenschaftliche Besucher in die Lage versetzt werden, den Lebensraum Wattenmeer zu begreifen und allgemein mehr Verständnis für Natur und Umwelt zu entwickeln. Der Verknüpfung von entdeckendem Lernen durch Eigenaktivitäten und der klassischen personalen Vermittlung von Bildung komme dabei die zentrale Bedeutung zu. Brickwedde: "Gerade für jüngere Besucher werden die angebotenen Möglichkeiten der Eigenbetätigung einen hohen Lernanreiz bieten."
Exakt diesem Ziel folge die räumliche Gestaltung des Zentrums auf dem Deichvorland in unmittelbarer Nachbarschaft zum historischen Hafen, das durch die Unterstützung der Umweltstiftung nun möglich wird. Auf 1.500 Quadratmetern Nutzfläche entstünden nach einem aus Mitteln des Bundesumweltministeriums finanzierten Ideenwettbewerbs unter anderem Großraumaquarien, Ausstellungen, Laborraum, Vortrags- und Multivisionsraum. So werde der Freizeitforscher etwa mit selbst zu steuernden Videokameras wissenschaftliche Tauchgänge simulieren und am Computer verschiedene Fragestellungen des Wissenschaftlers abrufen können. Mit Hilfe eines Magnetstreifens werde er Daten und Ergebnisse abspeichern können, die er anhand der vielfältigen Modell- und Ausstellungstechniken gewonnen habe. Am Ende werde diese Datenkarte per Computer ausgewertet. Der Besucher erfahre so, ob seine Beobachtungen zutreffen und wie sie zu bewerten sind.
Das geplante Gebäude biete beste Voraussetzungen zur Umweltbeobachtung und Vermittlung ihrer Ergebnisse an die Bevölkerung. Nur durch derartig attraktive, moderne und innovative Umweltbildungseinrichtungen könne anhaltendes Verständnis für den Lebensraum Wattenmeer geweckt werden. Dem Zentrum in Tönning komme deshalb Modellcharakter für Deutschland mit zweifellos auch internationaler Bedeutung zu, so Brickwedde abschließend.