09.09.1996 | Solarenergie-Standort Wedel gerettet: Unternehmensgründer visieren Nischenmärkte an

Solarmodule sollen in der Architektur bisherige Fassadenelemente ersetzen - Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert mit 1,7 Millionen Mark

Wedel. Wedel in Schleswig-Holstein wird auch zukünftig in Deutschland für die Fertigung solarer Systeme stehen, die der Stromversorgung dienen. Vier ehemalige Mitarbeiter der AEG/DASA, die hier bis zur Schließung der Produktionsstätte Solargeneratoren und -systeme herstellten, haben ihr Wissen, ihre Abfindungen und ihren Mut zusammengenommen, um der Photovoltaik in Deutschland eine weitere Chance zu geben. Mit ihrer neugegründeten Firma Solarnova Solartechnik wollen sie für Nischenmärkte Solarmodule entwickeln, fertigen und vertreiben. Architekten und Bauherren sollen damit besser als bisher anstelle von Glas und hochpolierten Natur- und Kunststeinen Photovoltaik in die Fassadengestaltung einbinden können und damit der Gebäudeästhetik neue Impulse geben.

Möglich macht das die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) , Osnabrück, deren Generalsekretär Fritz Brickwedde den vier Unternehmensgründern heute eine Zusage über eine Fördersumme von knapp 1,7 Millionen Mark sowie ein zusätzliches Darlehn über rd. 500.000 Mark überbrachte. Schleswig-Holsteins Energieminister Claus Möller wies darauf hin, daß sich das Land über die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft mit einer stillen Beteiligung von 700.000 Mark für den Produktionsstandort engagiere.

Im Rahmen einer Pressekonferenz in Wedel ging Brickwedde heute auf die Gründe ein, die das Kuratorium der größten Umweltstiftung Europas unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Prof. Dr. Hans Tietmeyer bewogen hatte, diese Unternehmensgründer zu unterstützen. Ideen zu dieser hochwertigen Technologie für zahlreiche Fertigungs- und Demonstrationsanlagen mit richtungsweisender Größe und besonderem Ruf im In- und Ausland hätten in Deutschland ihren Ursprung vorrangig in Wedel gehabt, dennoch habe sich die Produktion von Solargeneratoren an diesem Standort bisher wirtschaftlich nicht darstellen lassen.

Aufgrund eines gestiegenen Umweltbewußtseins und weiterer Entwicklungsschritte in der Solartechnik hätten sich zwischenzeitlich Nischenmärkte entwickelt , die durch kunden- beziehungsweise projektspezifische Anforderungen an die Solargeneratoren gekennzeichnet seien. Während sich bisher Architekten und Bauherren entscheiden müßten, wie sie ein Bauwerk etwa bei der Fassadengestaltung in Form und Farbe standardisierten Solargeneratoren anpassen müßten, könnten sie jetzt ihrer Gestaltungsfreiheit und künstlerischen Ausformung des Gesamtentwurfes weitgehend freien Lauf lassen - und dennoch regenerative Energie erzeugen.

Im Vergleich zur bisher weit verbreiteten Verwendung von Glas, hochpolierten Natur- oder Kunststeinen als gestalterischen Fassadenelementen fielen allenfalls moderate Mehrkosten an, die unter diesem Aspekt eine völlig andere Kalkulation für den solaren Strompreis zuließen. Brickwedde: "Hier setzen die Überlegungen der Unternehmensgründer an, die ihre Chance in kleinen und mittelfristig profitablen, kundenspezifischen Serien von Solargeneratoren sehen."

Die Stiftung verfolge im Bereich der Photovoltaik die Entwicklung auf der deutschen Herstellerseite mit großer Aufmerksamkeit. Das erlahmende Engagement großer deutscher Unternehmen auf diesem Sektor sei, so Brickwedde, "mit Sorge beobachtet" worden. Aufgrund der bisherigen Unternehmensgrößen und -strategien habe sich jedoch ein Handlungsansatz für die Stiftung nicht geboten, was bei dem Projekt in Wedel nun anders sei. Angesichts der großen Umweltrelevanz der Technologie Photovoltaik sei zu hoffen, daß zumindest durch das Bearbeiten der Nischenmärkte ein Beitrag zum Erhalt dieser Technologie in Deutschland geleistet werden könne. Dabei spreche für den Standort Wedel, daß hier nicht nur die Infrastruktur und Räumlichkeiten vorhanden seien, sondern ebenso erfahrene Mitarbeiter, positives Produkt- und Standortimage sowie eine erhebliche öffentliche Rückendeckung.

Solarnova-Geschäftsführer Alfred Reinicke und Hans-Jürgen Lowalt betonten, daß langfristig erneuerbare Energien zu einer der tragenden Säulen der weltweiten Energieversorgung ausgebaut werden müßten. Angesichts der stark wachsenden Weltbevölkerung und steigenden globalen Energiebedarfs werde sich zwangsläufig auf der Erde das Angebot an verfügbaren Energieträgern verringern, womit die Frage der zukünftigen Energieversorgung eine immer größere Bedeutung gewinne. Dabei gewännen neben effizienter und sparsamer Energienutzung die erneuerbaren Energien, insbesondere die Sonnenenergie, eine immer größere Bedeutung, wobei die photovoltaische Stromerzeugung als besonders aussichtsreich gelte.

Wenn Deutschland im internationalen Vergleich nicht in die Belanglosigkeit abgleiten wolle, sei eine zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik abgestimmte Markt-einführungsstrategie notwendig, die Entwicklungsprogramme ebenso umfasse wie die Entwicklung kostengünstiger Solarmodule und deren Einsatz in Deutschland. Reinicke: "Es sollte alles unternommen werden, um die Photovoltaik langfristig als Zukunftstechnologie für Deutschland zu sichern."

Energieminister Claus Möller unterstrich den Einsatz der schleswig-holsteinischen Landesregierung zur Förderung der Solarenergie. Seit 1990 seien etwa 157 Photovoltaik-Projekte mit rund 4,3 Millionen Mark gefördert worden, darunter die Lärmschutzwand bei Rellingen, die Beleuchtung des Rendsburger Kanaltunnels und solarbeleuchtete Bushaltestellen im ländlichen Raum. Die Energiepreisaufsichtsbehörde habe die preisrechtliche Anerkennung für eine erhöhte Vergütung von Solarstrom ermöglicht, wovon immer mehr Stadt- und Gemeindewerke Gebrauch machten.

Im Rahmen der Greenpeace-Initiative für die Markteinführung der Photovoltaik will die Landesregierung, so Möller, zu einer Nachfrage in Höhe von jährlich 660 Kilowatt elektrisch beitragen, was dem Anteil Schleswig-Holsteins an einem bundesweiten 10.000-Dächer-Programm entspreche. Dafür würden bis zum Jahr 2000 jährlich eine Million Mark für Photovoltaik-Anlagen an Bauten des Landes bereitgestellt und ein Förderprogramm von 500.000 Mark aufgelegt. Hinzu kämen Aktivitäten von Kommunen (zum Beispiel Photovoltaikanlagen an Schulen) und Energieversorgern (zum Beispiel erhöhte Einspeisevergütung) sowie die staatliche Wohneigentumsförderung.

Hinweis: Technische Details zu dem Projekt und das Manuskript des Referates von Professor Dipl.-Ing. Manfred Hegger (Kassel), das er heute in Wedel im Rahmen der Präsentation des Projektes zum Thema "Integration von Photovoltaik in die Architektur" hielt, erhalten Sie gern. Anruf oder Fax genügt. Die Kolleginnen und Kollegen, die bereits eine Pressemappe bei uns angefordert haben, bekommen sie automatisch zusätzlich zu dieser Information zugeschickt.