Träger des Deutschen Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU): Dr. Wolfgang Feist
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Frage 1:
Herr Dr. Feist, im Vorjahr wurde Ihnen gemeinsam mit Dr. Franz Ehrnsperger und Prof. Dr. Hermann Auernhammer in Freiburg der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt verliehen. Die mit Ihrer Auszeichnung verbundene Botschaft lautete: Das Passivhaus funktioniert und wird akzeptiert, passt auf praktisch jeden Gebäudetyp, verringert den jährlichen Heizenergieverbrauch erheblich und trägt damit wesentlichen zum Klimaschutz bei. Was hat der 21. Oktober 2001 in der Sache gebracht, als Sie aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau den Preis erhielten?
Antwort:
Der Umweltpreis hat den öffentlichen Bekanntheitsgrad des energieeffizienten Bauens vergrößert. Dadurch konnten die soliden Ergebnisse aus den gebauten Passiv-haussiedlungen breiter kommuniziert werden. Immerhin werden durch den Passivhaus-standard Einsparungen beim Heizwärmeverbrauch von über 75 Prozent gegenüber den gesetzlichen Anforderungen in der Praxis erreicht.
Frage 2:
Kritiker bemängelten damals die angebliche Material- und Architektureinfalt von Passivhäusern. Was sagen Sie denen heute?
Antwort: Schon von Anfang an zeichnete sich das Passivhauskonzept durch eine hohe Flexibilität aus; natürlich hat man bei den ersten Demonstrationsgebäuden nicht mit den komplexesten Bauaufgaben angefangen. Wenn Sie den Reigen der realisierten Architekturbeiträge mit Passivhausstandard betrachten, beantwortet sich die Frage von selbst: Architekturqualität ist das Ergebnis gelungener Entwürfe von engagierten und kompetenten Architekten. Daran mangelt es im Passivhausbereich nicht.
Frage 3:
Das erste Passivhaus hat noch Mehrkosten in Höhe von etwa 50.000 Euro pro Wohneinheit verursacht. Bis zum Jahr 2000 haben sich diese auf etwa 9.000 Euro verringert. Dies resultierte aus einer substanziellen Verbesserung von bau- und lüftungstechnischen Komponenten und der Einführung erster Serienprodukte in kleinen Stückzahlen. Ist dieser Trend weiter rückläufig?
Antwort:
Wir haben ein ehrgeiziges Ziel: Passivhäuser sollen in absehbarer Zukunft ohne wesentliche Mehrkosten realisierbar werden. Heute ist dieses Ziel noch nicht erreicht, aber die Angebote von für Passivhäuser geeigneten Komponenten werden immer vielfältiger. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt allein die anhaltende Zunahme der fertig-gestellten Projekte.
Frage 4:
Der Passivhaus-Standard habe gute Aussichten, der Neubau-Standard der Zukunft zu werden, hieß es bei der Preisverleihung vor einem Jahr. Würden Sie heute also sagen, diese Vision ist ein Stück Wirklichkeit geworden?
Antwort:
Qualitätsverbesserungen im Bausektor brauchen ihre Zeit: Innerhalb eines Jah-res kann es steil bergauf gehen mit der Entwicklung - wie es beim Passivhausstandard der Fall ist -, eine allgemeine Einführung kann und darf aber nicht übereilt erfolgen. Ein solides Wachstum verbunden mit der Qualifikation von immer mehr Planern, Produzenten und Ausführenden ist entscheidend für die weitere Entwicklung.
Frage 5:
In Deutschland verbrauchen die privaten Haushalte 28 Prozent der Gesamtenergie. Davon macht die Raumwärme mit 76 Prozent den Löwenanteil aus. Während der Kohlendioxidausstoß in Deutschland seit 1990 insgesamt um 15,5 Prozent verringert werden konnte, stieg er bei den privaten Haushalten um sechs Prozent. Sie haben mit Ihrer Passivhaustechnik den jährlichen Heizenergiebedarf auf weniger als 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter gedrückt - was etwa dem Verbrauch von eineinhalb Litern Heizöl entspricht. "Normale" Gebäude verbrauchen im Mittel mehr als 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, Niedrigenergiehäuser immer noch 30 bis 70. Müsste im Interesse einer Verringerung des Kohlendioxidausstoßes, des Klimaschutzes und als ein Element zur Vorbeugung vor Naturkatastrophen, wie wir sie gerade an der Elbe erlebt haben, Ihr Passivhausstandard nicht noch schneller und breiter umgesetzt werden - notfalls durch gesetzliche Bestimmungen?
Antwort:
In Deutschland hat der Ruf nach neuen Gesetzen und Verordnungen Tradition. Das Passivhaus hat sich unabhängig davon innerhalb eines knappen Jahrzehnts zu einem ernst zu nehmenden Angebot entwickelt. Das ist dem Engagement vieler Beteiligter und der unbürokratischen Offenheit des Ansatzes zu verdanken - ein wirklich attraktives Konzept muss nicht "von oben" verordnet werden. Allerdings könnte die Politik innovativen Unternehmen etwas mehr Rückenwind geben, hinderliche bürokratische Hemmnisse abbauen und vor allem im Bereich der baulichen Modernisierung ein Anreizprogramm auflegen. Die Menschen müssen überzeugt und gewonnen werden - gesetzlicher Zwang hilft hier wenig, häufig ist er sogar kontraproduktiv.
Frage 6:
Wenn Sie für einen Tag Umweltminister in Deutschland wären und uneingeschränkt handeln könnten: Was würden Sie tun?
Antwort:
An einem Tag lässt sich die Welt nicht ändern; notwendig ist eine kontinuierliche, unbestechliche Arbeit an der Umsetzung der verfügbaren Konzepte zum nachhaltigen Wirtschaften. Dazu braucht es langen Atem und die Bereitschaft zur Abstimmung mit den anderen, häufig politisch viel maßgebenderen Ressorts. Entscheidend ist die konstruktive Umsetzung von vorbeugendem, in die Projekte integrierten Umweltschutz. Durch eine solche nachhaltige Erneuerung der gesamten Volkswirtschaft werden nicht nur in anderen Sektoren neue Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch die Motivation und das Engagement der Beteiligten angehoben. Bei der Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien und beim energieeffizienten Bauen lässt sich das beispielhaft studieren.