01.10.2002 | Ein Jahr danach: Preisträger Dr. Franz Ehrnsperger im Interview

Der Chef der Neumarkter Lammsbräu in Bayern und einer der bedeutendsten Pioniere des betrieblichen Umweltmanagements in Deutschland zieht ein Jahr nach der Verleihung des Deutschen Umweltpreises Bilanz

Ehrnsperger, Umweltpreisträger 2001
Träger des Deutschen Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU): Dr. Wolfgang Feist
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Frage 1:

Herr Dr. Ehrnsperger, im Vorjahr wurde Ihnen gemeinsam mit Dr. Wolfgang Feist und Prof. Dr. Hermann Auernhammer in Freiburg der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt verliehen. Die mit Ihrer Auszeichnung verbundene Botschaft lautete: Man kann auch als Unternehmen Ökonomie und Ökologie erfolgreich versöhnen. Sie haben das getan, in dem Sie Ihren Betrieb von konventioneller Brautechnik auf ökologische Bedingungen umstellten und nicht nur den Bierproduktionsprozess, sondern auch die vor- und nachgelagerten Stufen wie ökologischen Landbau und Öko-Controlling berücksichtigten. Was hat der 21. Oktober 2001 in der Sache gebracht, als Sie aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau den Preis erhielten?

Antwort:

Die Verleihung des Deutschen Umweltpreises war für uns die öffentliche Bestätigung für die Richtigkeit des von uns eingeschlagenen Weges. Bedingt durch die hervorragende Pressearbeit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt konnten wir unseren Bekanntheitsgrad deutlich vergrößern. Das Wichtigste für uns ist jedoch die Einbindung in das Netzwerk der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und die Möglichkeit der Nutzung vielfältiger kompetenter Kontakte.
Die ersten Früchte daraus zeichnen sich bereits in dem gemeinsamen Projekt mit Professor Dr. Auernhammer "Gewannenbewirtschaftung im ökologischen Landbau" ab.

Frage 2:

Worum geht es da?

Antwort:

Bei der Gewannenbewirtschaftung im ökologischen Landbau werden größere landwirtschaftliche Flächen, die durch natürliche Gegebenheiten (Wald, Bachflussläufe oder Höhenlinien, etc.) eingegrenzt sind, nach ökologischen Grundsätzen bewirtschaftet. Die Grundstücksgrenzen, der in dem betreffenden Gebiet vereinigten Grundstückseigentümer, spielen bei der Bewirtschaftung keine Rolle. Die Erträge aus den Grundstücken werden über modernste GPS-Technik dem jeweiligen Grundstückeigentümer direkt zugerechnet.
Vorteile dieser Art der Gewannenbewirtschaftung sind sowohl ökologisch wie ökonomisch. Durch die zusammengefassten größeren Flächen vermindern sich die Anfahrtswege. Durch die Vermeidung von Rangierverkehr auf kleinen Grundstücksflächen vermindert sich die Bodenverdichtung und ebenfalls der Treibstoffverbrauch. Die Fruchtfolge kann den natürlichen Bodenbeschaffenheiten ideal angepasst werden. Durch ökologisch optimale Anordnung der einzelnen Anbaufelder kann erhebliche Bodenerosion vermieden werden. Die Bearbeitungszeit für die Landwirte vermindert sich beträchtlich. Das Ergebnis ist eine deutliche Steigerung der Wirtschaftlichkeit im ökologischen Anbau ohne dazu Agrochemie verwenden zu müssen. Durch Verringerung der Bodenverdichtung, weitgehende Vermeidung von Erosion, geringere Außengrenzen (Vermeidung von Spritzmittel-Abtrift benachbarter Intensiv-Landwirte) und erhebliche Verringerung des Treibstoff-Einsatzes werden auch erhebliche ökologische Vorteile realisiert.

Frage 3:

Wie alle Pioniere wurde auch die Neumarkter Lammsbräu zunächst mit Kritik überschüttet. Doch die anfängliche, weitverbreitete Skepsis wich allmählich der Überzeugung, dass der von ihr aufgezeigte Weg nicht nur richtungweisend, sondern für die Gesellschaft unumgänglich ist. Ökologie ist Langzeitökonomie! Sind die Kritiker nach der Preisverleihung und diesem Jahr nun endgültig verstummt?

Antwort:

Die Kritiker an unserer ökologischen Unternehmensführung und der Herstellung ökologischer Lebensmittel sind in den letzten Jahren deutlich weniger geworden. Der Deutsche Umweltpreis hat dazu maßgeblich beigetragen. Leider sind durch den Nitrofen-Skandal und die damit verbundene (ungerechte) Verunglimpfung des ökologischen Landbaus wieder neue Kritiker aufgetreten.

Frage 4:

Eine Solaranlage für die Mälzerei, umweltfreundliche Kälteanlagen, Wiederverwendung entstehender Abwärme, konsequente Regenwassernutzung, Rückführung der Abfälle aus Hopfen und Malz in die Landwirtschaft, Umstellung des eigenen Pkw-Fuhrparks auf Pflanzenölbetrieb, Entwicklung eines abfallfreien Bierklärfiltrationsverfahrens oder der Verzicht auf überflüssige Reinigungs- und Desinfektionsmittel - dies alles steht für eine konsequente Selbstverpflichtung auf den Umweltschutz. Warum sind andere Unternehmen so träge und kopieren sie auch heute einfach nicht - zumal sie bares Geld sparen könnten?

Antwort:

Leider ist ökologisches Handeln bei vielen Betrieben heute noch verpönt, und das Sparen zeigt sich auch nicht sofort, sondern erst nach mehreren Jahren. Auf jeden Fall ist ökologische Umorientierung zunächst mit Unbequemlichkeiten verbunden. Nachhaltigkeit wird von vielen Unternehmen nicht gesehen.

Frage 5:

Im Vorjahr haben Sie ein neues Bierwürzekochverfahren entwickelt, das gegenüber dem herkömmlichen Verfahren 70 Prozent weniger Energie benötigt. Damit werden jährlich 50.000 Liter Heizöl eingespart und 150.000 Kilogramm Kohlendioxid-Emission vermieden. Können wir es uns im Interesse einer Verringerung des Kohlendioxidausstoßes und des Klimaschutzes eigentlich noch leisten, Standards wie diese nicht noch schneller und breiter umzusetzten - auch als ein Element zur Vorbeugung vor Naturkatastrophen, wie wir sie gerade an der Elbe erlebt haben?

Antwort:

Standards, wie wir sie in den letzten Jahren immer wieder gesetzt haben, sollten sich noch schneller verbreiten. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass wir einiges bewegen konnten. Beispielsweise ist durch unsere Initiative und unsere Öffentlichkeitsarbeit die Einführung von nuklearfreien Füllhöhenkontrollen, schwermetallfreien Etikettenfarben, PVC-freien Kronenkork-abdichtungen u.v.m. schnell vorangetrieben worden. Auch das bei uns erstmals eingesetzte Schonkochverfahren für Würze mit sehr hohen Energie-Ersparniswerten ist unseres Wissens mittlerweile sechs- oder siebenmal in vergleichbaren Brauereien umgesetzt worden. Es vergeht kein Monat, in dem nicht mehrere Brauer-Kollegen sich zu einem Besuch bei uns anmelden, um unsere neuen Anlagen zu besichtigen.

Frage 6:

Hat Ihr Credo "Das Reinheitsgebot des Bieres beginnt auf dem Acker", mit dem Sie Landwirte der Region dazu gebracht haben, Braugerste, Weizen und Hopfen auf der Basis ökologischen Landbaus zuzuliefern, im letzten Jahr gelitten? Stichwort: Nitrofen.

Antwort:

Es kamen Anfragen, aber wir waren gut gerüstet. Bereits 1989 haben wir in unseren strengen Brau-Richtlinien Wareneingangskontrollen zusätzlich zu den Vorschriften der EG-Bio-Verordnung festgelegt. In all den vergangenen Jahren haben wir eingehendes Getreide auch auf Nitrofen getestet und konnten sofort lückenlos nachweisen, dass die bei uns angelieferten Getreidepartien nitrofenfrei waren.

Frage 7:

Wenn Sie für einen Tag Umweltminister in Deutschland wären und uneingeschränkt handeln könnten: Was würden Sie tun?

Antwort:

Ich würde sofort eine ökologische Steuerreform auf den Weg bringen, die auch diesen Namen verdient. Das heißt, nicht nur fossile Energieträger müssten mit stets steigenden Steuer-beträgen belastet werden, sondern auch der Einsatz von Kunstdünger und chemisch synthetischen Pestiziden.
Die bisher an die Kohle bezahlten Subventionen müssten sofort umgelenkt werden, hin zu erneuerbaren Energieträgern. Flug-Benzin müsste ebenso besteuert werden wie Kfz-Treibstoffe.