03.10.2002 | "Exempel statuiert, dass ökonomische und ökologische Ziele vereinbar sind"

Deutscher Umweltpreis 2002: Dr. Peter Lüth - Einzelwürdigung

Dr. Peter Lüth
Dr. Peter Lüth: Träger des Deutschen Umweltpreises 2002 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
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Lüth vor Prophyta-Silo
Umweltpreisträger Dr. Peter Lüth vor dem Glukosesilo der neuen Prophyta-Produktionsanlage in Wismar.
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Prophyta außen
In Wismar ging im Jahr 2000 die neue Produktionsanlage der Prophyta GmbH in Betrieb. Jahreskapazität: 200.000 Kilogramm.
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Lüth vor Prophyta-Fassade
Umweltpreisträger Dr. Peter Lüth vor der neuen Produktionsanlage der Prophyta GmbH, die in Wismar im Jahr 2000 in Betrieb ging. Jahreskapazität: 200.000 Kilogramm.
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Lüth/Karsch
Fachgespräch in Sachen Verpackungsbeschriftung: Umweltpreisträger Dr. Peter Lüth (l.) mit Produktionsleiter Daniel Karsch.
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Lüth Fließband
Aus dem Fließband fällt Umweltpreisträger Dr. Peter Lüth das gerade fertiggestellte Produkt in die Hände. Im Hintergrund die Wirbelschichttrocknungsanlage.
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Lüth/Hinz
Qualitätskontrolle im Labor: Umweltpreisträger Dr. Peter Lüth und Mitarbeiterin Susanne Hinz.
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Osnabrück. "Dr. Lüth hat die Resignation in Bezug auf die praktische Nutzbarkeit biologischer Verfahren in der Pflanzenproduktion weltweit gebrochen und umgekehrt. Er hat bewiesen, dass biologischer Pflanzenschutz auch betriebswirtschaftlich machbar ist und damit ein Exempel statuiert, dass ökologische und ökonomische Ziele miteinander vereinbar sind. Gerade unter dem Eindruck des Nitrofen-Skandals zeigt sich das Potenzial von biologischen Pflanzenschutzmitteln. Sie schonen nicht nur die Umwelt, sie bergen auch keinerlei Risiken für den Menschen, was mögliche Rückstände in der Nahrungskette angeht." - Mit diesen Worten würdigte heute Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), das Verdienst des 46jährigen Dr. Peter Lüth, Gründer und Geschäftsführer der Prophyta GmbH in Wismar, auf dem Gebiet der Entwicklung und Herstellung biologischer Pflanzenschutzmittel. Er ist einer der Träger des Deutschen Umweltpreises 2002.

In Malchow auf Poel hat alles begonnen

Dr. Lüth hatte Prophyta 1992 in Malchow auf der Insel Poel (Mecklenburg-Vorpommern) gegründet, erläuterte Brickwedde. Von einem Technologieprogramm der Bundesregierung unterstützt, sei es an den Start gegangen mit einer Laborausstattung des Institutes für Öl- und Futterpflanzenzüchtung, die preiswert von der Treuhandanstalt habe erworben werden können. Einige der gut ausgebildeten Mitarbeiter des ehemaligen Instituts hätten die Herausforderung angenommen und das erste biologische Mittel zur Bekämpfung pflanzenschädigender Pilze in Deutschland entwickelt. Brickwedde: "Mit nicht hoch genug einzuschätzender Risikobereitschaft haben Dr. Lüth und seine Mitgründer in einer nicht einfachen Umbruchsituation ihre Chance erkannt und ein funktionierendes Unternehmen aufgebaut."

Entlastung der Umwelt als Ziel

Zu dieser Zeit habe es im Ausland, insbesondere in den USA, bereits einige vergleichbare Produkte gegeben, die jedoch für Nischenmärkte bestimmt gewesen seien. Brickwedde: "Sie waren zu teuer und zu schwierig anzuwenden, um in landwirtschaftlich-gärtnerischen Märkten Fuß fassen zu können." Lüths Idee sei es gewesen, ein Produkt zu entwickeln, das auch auf diesen Märkten eine Chance haben würde und damit zur Entlastung der Umwelt beitragen könnte. Dazu sollte ein Pilz genutzt werden, der bereits 1988 bei Arbeiten in der Abteilung Resistenzprüfung des ehemaligen Institutes gefunden worden war.

Pilz als Potenzial für ein natürliches Pflanzenschutzmittel

Die Mitarbeiter hätten damals die Aufgabe gehabt, die Sporen eines pilzlichen Pflanzenkrankheitserregers herzustellen, um damit eine künstliche Infektion am Rotklee zu erzeugen. Das habe sehr gut funktioniert, bis plötzlich der Krankheitserreger nicht mehr gewachsen sei. Eine genauere Untersuchung habe gezeigt, dass er selbst von einem Pilz befallen gewesen sei. Schon damals habe Dr. Lüth erkannt, dass dieser Pilz das Potenzial für ein natürliches Pflanzenschutzverfahren besitze. Brickwedde: "Nur konnte zum damaligen Zeitpunkt aufgrund der politischen Verhältnisse niemand daran denken, dieses Potenzial zu nutzen."

Bis zur Markteinführung große Schwierigkeiten zu überwinden

Nach der politischen Wende und mit der Prophyta-Unternehmensgründung habe die Entwicklung eines biologischen Pflanzenschutzmittels vorangetrieben werden können, wobei bis zur Markteinführung große Schwierigkeiten zu überwinden gewesen seien. Aber die Geschäftsidee habe sich als tragfähig für die Beschaffung des Startkapitals, die Entwicklung einer Produktionstechnologie, die Zulassung des fertigentwickelten Produkts als Pflanzenschutzmittel und den Aufbau eines internationalen Vertriebssystems erwiesen. Auch bei der wichtigsten Bewährungsprobe, der Durchführung der amtlichen Wirkungsprüfung, habe das umweltschonende, anwenderfreundliche und preiswerte Produkt die Erwartungen seiner Entwickler erfüllt.

Produkt besteht aus Sporen des nützlichen Pilzes und Traubenzucker

Das fertige Produkt bestehe ausschließlich aus den Sporen des nützlichen Pilzes und Traubenzucker, die zusammen als wasserlösliches Granulat hergestellt werden. Es staube nicht und könne mit praxisüblicher Pflanzenschutztechnik ausgebracht werden. Brickwedde: "Durch den Einsatz konnte eine spezielle Fäule, die an vielen Kulturpflanzen hohe Ertrags- und Qualitätsverluste verursacht und bislang nur chemisch bekämpft werden konnte, wirkungsvoll eingeschränkt werden. In vielen Fällen war die Wirkung sogar besser als die der chemisch-synthetischen Konkurrenzprodukte."

Kontakt zu Partnern in über 40 Staaten

Heute habe das Unternehmen Kontakt zu Partnern in über 40 Staaten. In den ersten beiden Jahren der Markteinführung seien in Deutschland 50.000 Kilogramm des neuen Produkts verkauft worden. Darüber hinaus habe ein Vertriebspartner aus den USA 35.000 Kilogramm abgenommen. Größter europäischer Markt sei Frankreich mit einem Absatz von 40.000 Kilogramm. Brickwedde: "Mit der Markteinführung wurden 2001 ca. 20.000 Kilogramm chemisch-synthetischer Pilzbekämpfungsmittel ersetzt. Für 2002 ist damit zu rechnen, dass mindestens 60.000 Kilogramm chemisch-synthetischer Substanzen nicht mehr zum Einsatz kommen."

2000 Produktionsanlage am Standort Wismar in Betrieb gegangen

Die ersten Produktionsmengen seien im Keller des Laborgebäudes hergestellt worden. Für die Produktion mit ca. 200.000 Kilogramm Jahreskapazität sei 2000 eine Produktionsanlage am Standort Wismar in Betrieb gegangen. 2003 soll dort mit dem Bau einer neuen große Produktionsanlage begonnen werden, um die Jahreskapazität von 200 auf 1.000 Tonnen zu erweitern.

Biologisches Bekämpfungsmittel gegen Fadenwürmer

Mit der Nutzung dieses Pilzes sowie der Entwicklung des Produktionsverfahrens für die Granulatherstellung seien die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Markteinführung erfüllt gewesen. Nun hätten sich Möglichkeiten eröffnet, weitere Produkte nach der gleichen Methode herzustellen. Das zweite Produkt sei ein biologisches Bekämpfungsmittel gegen Fadenwürmer ("Pflanzenschmarotzer") gewesen, das auf den Philippinen in den Markt eingeführt worden sei und dort zur Bekämpfung eines Bananenpflanzenschädlings eingesetzt werde. Aufgrund der guten Wirkung des Präparates erwarte Dr. Lüth, dass dort bald die giftigen Präparate von einem Markt verdrängt seien, der zwar nur ca. 20.000 Hektar umfasse, auf dem jedoch ca. 200 Tonnen chemische Bekämpfungsmittel jährlich eingesetzt würden.

Biologische Pflanzenstärkungsmittel

Weitere Produkte seien registrierte biologische Pflanzenstärkungsmittel, die insbesondere im Gemüsebau gegen bodenbürtige Krankheitserreger und Mehltaupilze eingesetzt würden.

"Bahnbrechende Pionierleistung"

Eine wichtige Strategie des biologischen Pflanzenschutzes sei es, mit Hilfe von natürlichen lebenden Feinden eine Vermehrung von Schädlingen zu verhindern und auf diese Weise das natürliche biologische Gleichgewicht zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Während allerdings biologischer Pflanzenschutz mithilfe nützlicher Insekten gegen tierische Schädlinge bereits breit angewendet würde, seien Mittel auf der Basis von Mikroorganismen gegen Pflanzenkrankheiten nur sehr begrenzt verfügbar. Hier setze Dr. Lüths "bahnbrechende Pionierleistung in der technologischen Innovation" an, so Brickwedde. Er sei einen "steinigen und langwierigen Weg" gegangen vom gefundenen Laboreffekt bis zum einsatzfähigen Biopräparat. Damit habe er nicht nur die Umsetzbarkeit einer wissenschaftlich begründeten Idee bewiesen. Er habe "einen technologischen Standard gesetzt, der weltweit Aufsehen erregt hat und noch weitere innovative Anwendungen im Bereich der Biopräparateentwicklung in nicht überschaubarem Ausmaß nach sich ziehen wird."

Innovatives Biotechnologieunternehmen

Trotz der "ungeheuren Hürden" die Dr. Lüth habe überwinden müssen, um ein innovatives Biotechnologieunternehmen standfest zu machen und seine Produkte zur Marktreife zu entwickeln, zeige Prophyta, "dass es für die Einführung umweltschonender Technologien nicht allein wissenschaftlicher, sondern vor allem auch unternehmerischer Kreativität bedarf". Mit ihr werde auch für die Gesellschaft Wesentliches erreicht. Führten biologische Pflanzenschutzmittel durch eine Verringerung des Einsatzes chemischer Alternativen doch auch zu sichereren Nahrungsmitteln.

Durch Pflanzenschutzmittel verursachte Umweltschäden besonders in den Entwicklungsländern

Brickwedde: "Das Potenzial ist hoch, angesichts des weltweiten Pflanzenschutzmarktes von jährlich ca. 30 Milliarden US-Dollar." Außerdem würden durch Pflanzenschutzmittel verursachte Umweltschäden besonders in den Entwicklungsländern deutlich. Brickwedde: "Mit dem auf den Philippinen neu eingeführten biologischen Produkt ist der erste Schritt zu einem umweltverträglichen Pflanzenschutz in diesen Regionen getan." Mit der Auszeichnung von Dr. Lüth werde "der Idee eines in der Landwirtschaft flächendeckenden biologischen Pflanzenschutzes erhebliche Schubkraft verliehen."