08.11.1998 | "Fähigkeit zu Kreativität und Innovation entscheidend für Lösung anstehender Probleme nicht nur im Umweltbereich"

reis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt heute in Frankfurt an Hamburger Klimaforscher und Freiburger Solarunternehmer verliehen

Frankfurt / Main. Der mit einer Million Mark höchstdotierte Umweltpreis Europas, der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück), ist zum sechstenmal vergeben. Aus der Hand von Bundesumweltminister Jürgen Trittin nahmen heute in der Alten Oper Frankfurt am Main die Arbeitsgruppe Klimaforschung am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg mit Prof. Dr. Lennart Bengtsson (63), Prof. Dr. Hartmut Graßl (58) und Prof. Dr. Klaus Hasselmann (67) sowie der Freiburger Solarunternehmer Georg Salvamoser (48) die Auszeichnung der größten Umweltstiftung Europas in Empfang. Bundesbankpräsident Professor Dr. Hans Tietmeyer würdigte als Vorsitzender des Stiftungskuratoriums die Leistungen der neuen Preisträger: "Ihr Beispiel zeigt, daß die Fähigkeit zur Kreativität und zur Innovation und auch das persönliche Engagement entscheidend sein werden für die Lösung der anstehenden Probleme. Und dies gilt sicher nicht nur für den Umweltbereich."

Tietmeyer hatte vor rund 1.400 Gästen darauf hingewiesen, daß sich das Thema der diesjährigen Preisverleihung mit einer der größten umweltpolitischen Herausforderungen unserer Zeit befasse: dem Schutz des Klimas. Es gebe nämlich heute sehr ernst zu nehmende Anzeichen dafür, daß gerade auch durch den Menschen das Klima verändert werde und das zu erheblichen Verwerfungen und Schäden in vielen Teilen der Erde führe. Auch wenn diese Annahme noch nicht mir letzter Sicherheit bewiesen sei, reiche schon der begründete Verdacht aus, alles zu tun, um die Zusammenhänge weiter zu erforschen und erkannte Ursachen für Klimaveränderungen zu bekämpfen.

Wichtig sei es, so Tietmeyer, den Energieverbrauch vor allem in den westlichen Industrienationen zu bremsen und den Anteil erneuerbarer Energieträger zu steigern. Dies müsse durchaus nicht mit einem Verzicht auf Wohlstand verbunden sein. Es gehe vor allem darum, durch Innovationen Energie intelligenter und wirksamer einzusetzen. In diesem Zusammenhang wies Tietmeyer auch darauf hin, daß die Stiftung, die seit Aufnahme ihrer Fördertätigkeit vor sieben Jahren rund 1,3 Milliarden Mark in über 3.000 Projekte investiert habe, knapp 200 Millionen Mark in ca. 400 Klimaschutzprojekte habe fließen lassen.

Hessens Finanzminister Karl Starzacher begrüßte die Gäste in der Alten Oper Frankfurt. Die Verleihung des Deutschen Umweltpreises in Frankfurt gebe Hessen Rückenwind, engagierte Umweltpolitik auch in Zeiten zu betreiben, in denen das Thema angesichts wirtschaftlicher Probleme nicht gerade Hochkonjunktur habe. Starzacher appellierte, alle Möglichkeiten der Energieeinsparung und rationellen Energienutzung auszuschöpfen, um bis 2005 eine spürbare Minderung des Kohlendioxidausstoßes zu erreichen. Daneben müßten die erneuerbaren Energiequellen technisch und wirtschaftlich weiter entwickelt werden, damit sie im nächsten Jahrhundert eine tragende Rolle in der Energieversorgung übernehmen könnten. Starzacher: "Innovationen in Wissenschaft und Wirtschaft gepaart mit einer vernünftigen Ressourcen- und Klimaschutzpolitik liefern uns die geeigneten Instrumente, um bald eine Brücke in das "nach-fossile‘ und "nach-nukleare‘ Zeitalter zu schlagen."

Die Laudatio auf die Preisträger hielt Prof. Dr. Reinhard Zellner, Mitglied der Jury des Deutschen Umweltpreises. Mit der Auszeichnung der Wissenschaftler würdigte die Stiftung ihre außergewöhnlichen Leistungen in der Klimaforschung, die heute in Deutschland auch im internationalen Vergleich einen anerkannten Spitzenplatz einnehme. Ihr Schaffen habe einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Verantwortung der Menschheit gegenüber ihrer Umwelt im Bewußtsein noch stärker zu verankern. So sei die wissenschaftliche Basis zum Thema Klimabeeinflussung durch den Menschen gestärkt, seien die Chancen für die Umsetzung der Rahmenkonvention der Vereinten Nationen zur Klimaänderung erhöht worden.

Professor Hasselmann habe eines der leistungsfähigsten Klimamodelle der Welt entwickelt. überzeugendes Beispiel seiner wissenschaftlichen Arbeit sei etwa die Beschreibung und Vorhersage des El-Niño-Phänomens, einer natürlichen Schwankung der Temperaturverteilung der Meeresöberfläche im Pazifik. Professor Bengtssons Verdienste lägen insbesondere im Bereich der regionalen Klimaforschung. Seine Erfahrungen hätten gemeinsam mit den Ozeanmodellen von Professor Hasselmann den wissenschaftlichen Beweis einer durch den Menschen verursachten Beeinflussung des Klimas wesentlich gestärkt. Professor Graßl sei wie seine Kollegen ein international ausgewiesener Atmosphären- und Klimawissenschaftler. Er habe durch die Entwicklung von Meßtechniken für den Wärmefluß in der Atmosphäre und in den Ozeanen, mit der Fernerkundung und bei den Prozeßstudien in den Wolken das Verständnis von der Physik der Klimaprozesse enorm erweitert.

Den Solarunternehmer Salvamoser würdigte Zellner als eine Persönlichkeit, die mit hohem, bis ins Persönliche reichendem Risiko dem Photovoltaikmarkt in Deutschland neue Chancen eröffnet habe. Zu einer Zeit, als sich die Großen der Branche aus Kostengründen aus diesem Markt verabschiedet hätten, habe er als Mittelständler in Freiburg ohne staatliche Hilfen eine hochmoderne Produktion von Photovoltaik-Standardmodulen aufgebaut. Daß in Deutschland wieder neue Produktionskapazitäten entstanden seien und weiter entstünden, sei auch dem Unternehmer Salvamoser zu verdanken.

Das Leitbild einer Nachhaltigkeit der Energienutzung habe zwar weltweite Anerkennung gefunden, aber es sei noch vielfach unklar, wie das Dreieck von Ökologie, Ökonomie und Sozialem gestaltet werden solle. Wirksamere und sparsamere Energienutzung sowie die erneuerbaren Energien müßten dabei eine zentrale Rolle spielen. Um ein solches hochgestecktes Ziel zu erreichen, bedürfe es bereits heute entsprechender Motivation und Innovation. Es sei immer eine Herausforderung, die ersten Schritte in diese Richtung zu tun. Der Solarunternehmer Salvamoser habe diese Herausforderung bereits angenommen.

Professor Dr. Klaus Ferdinand Hasselmann hob in seiner Dankesrede hervor, daß ohne eine enge, internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit das Klima als eines der komplexesten bekannten Systeme, mit denen sich die Wissenschaft befaßt, nicht erfolgreich erforscht werden könne. Zwar habe die internationale Klimaforschung erste konkrete politische Schritte zu einer weltweiten Verringerung der Treibhausgasausstoßes ermöglicht, für eine Intensivierung dieser Bemühungen erwarte man von der Wissenschaft aber eine weitere Verbesserung ihrer Klimaprognosen. Sie sollten die Auswirkungen nicht nur für das globale Klima, sondern auch für einzelne, besonders betroffene Regionen genauer erfassen können. Dabei seien Änderungen in der sich verändernden Intensität und Häufigkeit extremer Ereignisse wie Stürme, Hitzewellen, Dürren oder Überschwemmungen und deren Vorhersagbarkeit von besonderem Interesse.

Trotz großer Fortschritte in den letzten Jahren stehe die Klimaforschung noch am Anfang, so Hasselmann weiter. Gleichwohl zwinge Vorsorgeverantwortung zum politischen Handeln, noch bevor die Wissenschaft alle Auswirkungen der menschlichen Eingriffe in das Klimasystem exakt vorhersagen könne. Es müsse eine sorgfältig abgestimmte Klimaschutzstrategie Schritt für Schritt eingeführt und laufend an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepaßt werden.

Als Aufforderung, die nächsten unternehmerischen Schritte hinzu einer solaren Energiewirtschaft anzugehen, wertete Georg Salvamoser die Auszeichnung mit dem Umweltpreis. Er verwies in seiner Dankesrede auf die enormen Fortschritte, die Forscher und Entwickler erneuerbarer Energien in den zurückliegenden Jahren erreicht hätten. Viele Produkte stünden der Industrie ausgereift zur Verfügung. Das geänderte europäische Energierecht erlaube mit seinem längst hinfälligen Abschied von Monopolstrukturen völlig neue, innovative Schritte.

Die Herausforderung bestehe darin, den Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu fairen Preisen flächendeckend anzubieten. Dazu bedürfe es neben klaren, praktikablen politischen Rahmenbedingungen vor allem Verbündeter, unternehmerisch Engagierter. Jeder einzelne könne dazu beitragen, indem er in Zukunft privaten und gewerblichen Strombedarf aus erneuerbaren Quellen beziehe. Salvamoser: "Das geht. Sie müssen es nur wollen. Sie müssen es nur tun." Ökologie und Ökonomie seien jedenfalls bestens vereinbar, sie bedingten sich langfristig sogar. Salvamoser: "Nun liegt es an Ihnen als Energieverbraucher und Investor gleichermaßen."

Diesen Faden nahm auch Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Umweltstiftung, in seinen Schlußworten noch einmal auf. Auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt wolle helfen, die Anwendung moderner Technologien im Solarenergiebereich breiter in die Bevölkerung zu tragen. Allein für zwei Solarkampagnen habe sie deshalb in jüngster Vergangenheit 14 Millionen Mark zur Verfügung gestellt und wolle damit "maßgebliche Zeichen für die Zukunft" setzen.