Frage:
Herr Dr. Otto, vor knapp einem Jahr sind Sie gemeinsam mit Herrn Dr. Paul und Prof. Dr.
Ulrich mit dem Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück)
ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio brachte Prof. Dr. Steger seinen Wunsch zum
Ausdruck, die mutige, wegweisende, nachhaltige Tat möge weitere Beispiele setzen. Hat
sich dieser Wunsch nach Ihrer Einschätzung erfüllt? Ist Ihre Botschaft als
Umweltpreisträger in Köpfe gelangt, die Ökonomie und Ökologie bis dahin für Gegensätze
wie Feuer und Wasser hielten?
Dr. Otto:
Gerade ein so renommierter Preis wie der Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung
Umwelt fördert den Stellenwert des Umweltschutzes in der gesellschaftlichen Diskussion
und gibt wichtige Anstöße für die Erkenntnis, daß Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze
sind. Im Gegenteil: In vielen Fällen sind win-win-Lösungen denkbar und machbar.
Umweltschutz setzt sich als Produktivfaktor in der Wirtschaft durch. Das beweist die
Tatsache, daß wir in Deutschland eine Umwelttechnologie haben, mit der wir in der Welt
führend sind. Jetzt gilt es, die Marktfähigkeit wichtiger Zukunftstechnologien zu fördern. So
testen wir ab Anfang 1999 die ersten Fahrzeuge mit Wasserstoffmotor in der
Kundenbelieferung. Auch die Solarenergie hat Zukunft. Deshalb werden wir bis zum
Jahresende an unserem Standort in Hamburg-Bramfeld mit einer 50 kWpeak
Photovoltaikanlage eine der größten Anlagen in Norddeutschland installieren. Zu diesen
Maßnahmen haben wir bereits einige Anfragen verschiedener Unternehmen erhalten; hier ist
eine Botschaft also übergekommen.
Frage:
Prof. Steger hat Sie als "erstklassigen Umweltpionier" bezeichnet, dem es gelungen sei,
Kunden zu motivieren, beim Kauf an den Umweltschutz zu denken. Welche Reaktionen hat
die Verleihung des Deutschen Umweltpreises unter diesem Aspekt?
Dr. Otto:
Die Verleihung des Deutschen Umweltpreises hat bei unseren Kunden, aber auch bei
Geschäftspartnern, viele positive Reaktionen bewirkt. In erster Linie aber hat er uns in
unseren Bemühungen, unseren Kunden ein möglichst umfangreiches ökologisch optimiertes
Sortiment anzubieten, bestärkt. Wir haben im vergangenen Jahr unser Angebot an human-
und produktionsökologischen Textilien und wasser- und energiesparenden Haushaltsgeräten
weiter ausgebaut. Gleichzeitig können wir beobachten, daß unsere Kunden dieses
Engagement mit ihrer Kaufentscheidung honorieren.
Frage:
Sie selbst haben in Ihrem Vortrag bei der Preisverleihung im Vorjahr darauf verwiesen, daß
es in heutiger Zeit nicht mehr darum gehen könne, im Interesse des Umweltschutzes
Einzelmaßnahmen zu veranlassen. Es gehe vielmehr darum, durch eine Beeinflussung des
Gesamtsystems dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung gerecht zu werden, in der
ökologische, ökonomische und soziale Aspekte miteinander verwoben sind. Sind wir in den
vergangenen zwölf Monaten in dieser Richtung in Deutschland einen Schritt weiter
gekommen?
Dr. Otto:
Ich meine ja. Zwar ist der Begriff "Nachhaltigkeit" noch nicht in den Köpfen und Herzen der
Menschen so verankert, daß tagtäglich nachhaltiges Handeln daraus erwächst. Aber es gibt
Beispiele dafür, daß das Prinzip Nachhaltigkeit mehr und mehr an Geltung gewinnt. Hierfür
steht der zunehmende Erfolg des Forest Stewardship Council (FSC). Hier geht es darum, die
Nachfrage des Konsumenten in Deutschland und weltweit auf Produkte aus nachhaltiger
Forstwirtschaft zu lenken. Damit wird den Konsumenten die Chance gegeben, sich für ein
umweltverantwortliches, sozial förderliches und ökonomisch tragfähiges Produkt zu
entscheiden. In der nächsten Saison werden wir Möbel aus entsprechend zertifiziertem Holz
in unserem Sortiment anbieten.
Frage:
"Unser Wirtschaften muß Maß nehmen am Haushalt der Natur", haben Sie 1997 gefordert -
und sich folgerichtig immer aktiv für einen gesellschaftlichen Strukturwandel eingesetzt.
Stichwort: ökologische Steuerreform. Wie beurteilen Sie das, was die neue Bundesregierung
hier eingeleitet hat? Reicht das aus, um tatsächlich zu nachhaltigen Veränderungen zu
finden?
Dr. Otto:
Spätestens seit der Konferenz von Rio 1992 gibt es einen breiten politischen und
wissenschaftlichen Konsens darüber, daß gesellschaftlicher Fortschritt nur bei
gleichzeitigem wirtschaftlichem Wohlstand, sozialer Sicherheit und Stabilisierung der
ökologischen Systeme möglich ist. Wesentliche Herausforderungen sind hierbei der
nachhaltige Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und die Senkung der
Arbeitslosigkeit. Folgerichtig ist die Erkenntnis nicht neu, daß Energie und andere knappe
Ressourcen teurer und deshalb sparsamer verwendet und die Lohnnebenkosten sinken und
damit Arbeit billiger und ihre Nachfrage erhöht werden muß. Ungleich schwieriger ist es,
dieses Konzept mit Leben zu füllen. Ob die Maßnahmen der neuen Bundesregierung zu
nachhaltigen Veränderungen führen, kann und wird sich erst in der Praxis erweisen.
Tatsache ist, daß niemand die großen Probleme wie Umweltschutz, Arbeitslosigkeit,
Standortschwächen oder Staatsverschuldung alleine lösen kann. Hier sind alle gefordert:
der Staat, die Parteien, die Wirtschaft, die Gewerkschaften und die Naturschutzverbände.
Niemand darf sich diesem Dialog entziehen. Denn nur der Dialog über die grundlegenden
Zukunftsfragen kann sinnvolle und produktive Lösungen hervorbringen.
Frage:
Eine Ihrer herausragenden Leistungen, die mit dazu beigetragen hat, Ihnen im Vorjahr den
Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zu verleihen, war der Abschluß der
Elbe-Erklärung 1996. Maßgeblich Ihrer Moderation war es zu verdanken, daß es im Konflikt
um die Nutzung der mittleren Elbe zwischen Hamburg und Magdeburg zu einem Konsens
zwischen unterschiedlichen Interessen von Naturschützern und Wasserbauern kam. Dieser
Konsens scheint in jüngster Zeit wieder zu bröckeln. Was muß geschehen?
Dr. Otto:
Die Elbe-Erklärung 1996 war ein Erfolg. Das gilt sowohl für ihr faktisches Ergebnis wie auch
für ihre dialogfördernde und gestalterische Kraft. Zum einen wird der Elbe-Seiten-Kanal
bereits im Jahr 2001 ertüchtigt sein und steht damit der modernen Binnenschiffahrt deutlich
eher zur Verfügung als erwartet. Zum anderen gibt es einen langfristig angelegten
konstruktiven Dialog zwischen den Naturschutzverbänden und der
Wasserstraßenverwaltung. Derzeit wird an Kriterien für die moderate Verbesserungen der
Schiffahrtsverhältnisse auf der Elbe gearbeitet. Langfristig geht es um die Frage, wie das
ökologische Potential der Elbe nicht nur erhalten, sondern auch dauerhaft verbessert
werden kann. Naturgemäß gibt es in dieser komplexen Frage unterschiedliche Meinungen
und Positionen. Aber auch für diese Diskussion gilt: der Königsweg zwischen Ökologie und
Ökonomie läßt sich nur im Dialog entwickeln.