04.11.1998 | "Fazit ein Jahr danach:" Interview mit Dr. Michael Otto

Träger des Deutschen Umweltpreises 1997 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, Osnabrück



Frage:

Herr Dr. Otto, vor knapp einem Jahr sind Sie gemeinsam mit Herrn Dr. Paul und Prof. Dr. Ulrich mit dem Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio brachte Prof. Dr. Steger seinen Wunsch zum Ausdruck, die mutige, wegweisende, nachhaltige Tat möge weitere Beispiele setzen. Hat sich dieser Wunsch nach Ihrer Einschätzung erfüllt? Ist Ihre Botschaft als Umweltpreisträger in Köpfe gelangt, die Ökonomie und Ökologie bis dahin für Gegensätze wie Feuer und Wasser hielten?

Dr. Otto:

Gerade ein so renommierter Preis wie der Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt fördert den Stellenwert des Umweltschutzes in der gesellschaftlichen Diskussion und gibt wichtige Anstöße für die Erkenntnis, daß Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: In vielen Fällen sind win-win-Lösungen denkbar und machbar. Umweltschutz setzt sich als Produktivfaktor in der Wirtschaft durch. Das beweist die Tatsache, daß wir in Deutschland eine Umwelttechnologie haben, mit der wir in der Welt führend sind. Jetzt gilt es, die Marktfähigkeit wichtiger Zukunftstechnologien zu fördern. So testen wir ab Anfang 1999 die ersten Fahrzeuge mit Wasserstoffmotor in der Kundenbelieferung. Auch die Solarenergie hat Zukunft. Deshalb werden wir bis zum Jahresende an unserem Standort in Hamburg-Bramfeld mit einer 50 kWpeak Photovoltaikanlage eine der größten Anlagen in Norddeutschland installieren. Zu diesen Maßnahmen haben wir bereits einige Anfragen verschiedener Unternehmen erhalten; hier ist eine Botschaft also übergekommen.

Frage:

Prof. Steger hat Sie als "erstklassigen Umweltpionier" bezeichnet, dem es gelungen sei, Kunden zu motivieren, beim Kauf an den Umweltschutz zu denken. Welche Reaktionen hat die Verleihung des Deutschen Umweltpreises unter diesem Aspekt?

Dr. Otto:

Die Verleihung des Deutschen Umweltpreises hat bei unseren Kunden, aber auch bei Geschäftspartnern, viele positive Reaktionen bewirkt. In erster Linie aber hat er uns in unseren Bemühungen, unseren Kunden ein möglichst umfangreiches ökologisch optimiertes Sortiment anzubieten, bestärkt. Wir haben im vergangenen Jahr unser Angebot an human- und produktionsökologischen Textilien und wasser- und energiesparenden Haushaltsgeräten weiter ausgebaut. Gleichzeitig können wir beobachten, daß unsere Kunden dieses Engagement mit ihrer Kaufentscheidung honorieren.

Frage:

Sie selbst haben in Ihrem Vortrag bei der Preisverleihung im Vorjahr darauf verwiesen, daß es in heutiger Zeit nicht mehr darum gehen könne, im Interesse des Umweltschutzes Einzelmaßnahmen zu veranlassen. Es gehe vielmehr darum, durch eine Beeinflussung des Gesamtsystems dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung gerecht zu werden, in der ökologische, ökonomische und soziale Aspekte miteinander verwoben sind. Sind wir in den vergangenen zwölf Monaten in dieser Richtung in Deutschland einen Schritt weiter gekommen?

Dr. Otto:

Ich meine ja. Zwar ist der Begriff "Nachhaltigkeit" noch nicht in den Köpfen und Herzen der Menschen so verankert, daß tagtäglich nachhaltiges Handeln daraus erwächst. Aber es gibt Beispiele dafür, daß das Prinzip Nachhaltigkeit mehr und mehr an Geltung gewinnt. Hierfür steht der zunehmende Erfolg des Forest Stewardship Council (FSC). Hier geht es darum, die Nachfrage des Konsumenten in Deutschland und weltweit auf Produkte aus nachhaltiger Forstwirtschaft zu lenken. Damit wird den Konsumenten die Chance gegeben, sich für ein umweltverantwortliches, sozial förderliches und ökonomisch tragfähiges Produkt zu entscheiden. In der nächsten Saison werden wir Möbel aus entsprechend zertifiziertem Holz in unserem Sortiment anbieten.

Frage:

"Unser Wirtschaften muß Maß nehmen am Haushalt der Natur", haben Sie 1997 gefordert - und sich folgerichtig immer aktiv für einen gesellschaftlichen Strukturwandel eingesetzt. Stichwort: ökologische Steuerreform. Wie beurteilen Sie das, was die neue Bundesregierung hier eingeleitet hat? Reicht das aus, um tatsächlich zu nachhaltigen Veränderungen zu finden?

Dr. Otto:

Spätestens seit der Konferenz von Rio 1992 gibt es einen breiten politischen und wissenschaftlichen Konsens darüber, daß gesellschaftlicher Fortschritt nur bei gleichzeitigem wirtschaftlichem Wohlstand, sozialer Sicherheit und Stabilisierung der ökologischen Systeme möglich ist. Wesentliche Herausforderungen sind hierbei der nachhaltige Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und die Senkung der Arbeitslosigkeit. Folgerichtig ist die Erkenntnis nicht neu, daß Energie und andere knappe Ressourcen teurer und deshalb sparsamer verwendet und die Lohnnebenkosten sinken und damit Arbeit billiger und ihre Nachfrage erhöht werden muß. Ungleich schwieriger ist es, dieses Konzept mit Leben zu füllen. Ob die Maßnahmen der neuen Bundesregierung zu nachhaltigen Veränderungen führen, kann und wird sich erst in der Praxis erweisen. Tatsache ist, daß niemand die großen Probleme wie Umweltschutz, Arbeitslosigkeit, Standortschwächen oder Staatsverschuldung alleine lösen kann. Hier sind alle gefordert: der Staat, die Parteien, die Wirtschaft, die Gewerkschaften und die Naturschutzverbände. Niemand darf sich diesem Dialog entziehen. Denn nur der Dialog über die grundlegenden Zukunftsfragen kann sinnvolle und produktive Lösungen hervorbringen.

Frage:

Eine Ihrer herausragenden Leistungen, die mit dazu beigetragen hat, Ihnen im Vorjahr den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zu verleihen, war der Abschluß der Elbe-Erklärung 1996. Maßgeblich Ihrer Moderation war es zu verdanken, daß es im Konflikt um die Nutzung der mittleren Elbe zwischen Hamburg und Magdeburg zu einem Konsens zwischen unterschiedlichen Interessen von Naturschützern und Wasserbauern kam. Dieser Konsens scheint in jüngster Zeit wieder zu bröckeln. Was muß geschehen?

Dr. Otto:

Die Elbe-Erklärung 1996 war ein Erfolg. Das gilt sowohl für ihr faktisches Ergebnis wie auch für ihre dialogfördernde und gestalterische Kraft. Zum einen wird der Elbe-Seiten-Kanal bereits im Jahr 2001 ertüchtigt sein und steht damit der modernen Binnenschiffahrt deutlich eher zur Verfügung als erwartet. Zum anderen gibt es einen langfristig angelegten konstruktiven Dialog zwischen den Naturschutzverbänden und der Wasserstraßenverwaltung. Derzeit wird an Kriterien für die moderate Verbesserungen der Schiffahrtsverhältnisse auf der Elbe gearbeitet. Langfristig geht es um die Frage, wie das ökologische Potential der Elbe nicht nur erhalten, sondern auch dauerhaft verbessert werden kann. Naturgemäß gibt es in dieser komplexen Frage unterschiedliche Meinungen und Positionen. Aber auch für diese Diskussion gilt: der Königsweg zwischen Ökologie und Ökonomie läßt sich nur im Dialog entwickeln.