04.11.1998 | "Fazit ein Jahr danach:" Interview mit Prof. Dr. Bernhard Ulrich

Träger des Deutschen Umweltpreises 1997 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, Osnabrück



Frage:

Herr Professor Dr. Ulrich, vor knapp einem Jahr sind Sie gemeinsam mit Herrn Dr. Paul und Herrn Dr. Otto mit dem Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio lobte Prof. Dr. Steger Ihren Mut, in der universitären Forschung neue Wege gegangen zu sein, die Erkenntnisse in die Gesellschaft getragen und damit politische Konsequenzen produziert zu haben. Hat Ihre mutige, wegweisende, nachhaltige Tat weitere Beispiele gesetzt?

Prof. Dr. Ulrich:

Das Verhalten des einzelnen ist in gesellschaftliche Entwicklungen eingebettet, also eigentlich nicht solitär zu sehen. Die 68er Bewegung hatte gezeigt, wenn auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, daß sich verfestigte, aber überholte Meinungen und Verhaltensweisen aufbrechen lassen. Das hat mir sicherlich geholfen, auch im Bereich meiner wissenschaftlichen Erkenntnis den Versuch zu machen, eine tradierte Vorstellung zu überwinden: daß nämlich Umweltgifte wie Schwefeldioxid durch Verteilung und Verdünnung unschädlich gemacht werden können. Die Unsicherheit darüber war weit verbreitet. Es bedurfte also nur einer guten wissenschaftlichen Basis und eines deutlichen Signals, um das Bewußtsein in weiten Kreisen der Gesellschaft zu schärfen. Dieses Signal wollte ich geben, und dies ist mir wohl auch gelungen. Als erste haben sich meine Mitarbeiter als Multiplikatoren eingesetzt, dann hat dies aber weite Kreise gezogen. Heute ist eine weniger gläubige und eher kritische Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technik verbreitet. Dies ist begrüßenswert, wenn es zu einer kritischen Rationalität führt. Auch diese Veränderung hat nicht nur eine, sondern viele Bewußtseinsveränderungen zur Veraussetzung. Meine Erkenntnis erwies sich letztlich als Teil der allgemeineren Erkenntnis, daß atmosphärische Spurenstoffe nicht nur regionale Auswirkungen auf Ökosysteme, sondern globale Auswirkungen auf das Klima haben. Diese Erkenntnis wird zu Recht mit dem Deutschen Umweltpreis 1998 ausgezeichnet.

Frage:

Prof. Dr. Steger hat Sie als "einen der Väter der Ökosystemforschung nicht nur in Deutschland" bezeichnet, dem es durch seine Forschung gelungen sei, Grundlagen für umfassende Maßnahmen der Luftreinhaltung in Deutschland und ganz Europa zu schaffen. Dabei hätten Sie sich allerdings in der Einsamkeit desjenigen befunden, "der einen schwellenartigen und gesellschaftlich verpflichtenden Erkenntnisvorsprung vor einer meist irritiert reagierenden Kollegenschaft errungen hat". Hat die Verleihung des Deutschen Umweltpreises unter diesem Aspekt zu einer verstärkten Akzeptanz Ihres Forschungsansatzes geführt?

Prof. Dr. Ulrich:

Die Erwartungshaltung an die Ökosystemforschung war groß, zu groß. Die Vernetzung der Prozesse in derart komplexen Systemen einer Vielzahl von Lebewesen und ihrer Umwelt läßt sich nicht in fünf oder zehn Jahren Forschung kristallklar entwirren. Die Waldschadensforschung hat einen enormen Erkenntnisgewinn gebracht, sie konnte jedoch noch keine restlose Klarheit über die komplexen Wirkungsketten erbringen. Die Lösung dieser Aufgabe ist Teil eines allgemeinen Verständnisses der Prozeßabläufe in Waldökosystemen. Dieses Verständnis zu gewinnen, erfordert einen längeren Atem in der Forschungsförderung. Die Gesellschaft muß sich darüber klar sein, daß die Entwicklung der Ökosystemforschung für das Verständnis unserer Erde und für unser Wirtschaften auf ihr unerläßlich ist. Sie muß dieser Forschung Zeitspannen von Jahrzehnten wie anderen Forschungsgebieten auch einräumen. Dessen müßten sich die Förderungsgremien bewußt sein. Die Verleihung des Umweltpreises ist dem förderlich gewesen.

Frage:

Sie selbst haben in Ihrem Vortrag bei der Preisverleihung im Vorjahr als Fernziel wirtschaftlicher Entwicklung definiert, ein wirtschaftliches, soziales und ökologisches System zu stabilisieren, das es Menschen ermöglicht, auf menschenwürdigem Wohlbefinden gewährleistenden Niveau zu leben. Stichwort: nachhaltige Entwicklung. Sind wir in den vergangenen zwölf Monaten in dieser Richtung in Deutschland einen Schritt weiter gekommen?

Prof. Dr. Ulrich:

Hier muß zwischen der nationalen Politik und dem lokalen Handeln unterschieden werden. In der nationalen Politik kann ich in den letzten zwölf Monaten keine entscheidenden Impulse für eine verstärkte Nachhaltigkeit der Entwicklung erkennen. Auf lokaler Ebene gibt es natürlich Stagnation, aber auch viel Positives. Meine Mitpreisträger sind dafür leuchtende Beispiele. Innovationen entwickeln sich in Köpfen, in Gruppen, lokal. Der Fortschritt setzt sich langsam, sehr langsam, von unten nach oben, von der lokalen zur nationalen Ebene durch. Auf der nationalen Ebene ist es sowohl möglich, den Fortschritt zu blockieren, wie auch ihn im Rahmen von Gesetzgebung und Verwaltung zu fördern. Die Politik kann also die Entwicklung steuern. Unsere Demokratie funktioniert hinreichend, um die Anpassung der Politik an die Bedürfnisse der Menschen in einem allerdings nicht immer geradlinig fortschreitenden Entwicklungsprozeß zu erreichen. Das Fortschreiten in Richtung auf eine größere Nachhaltigkeit entspricht meines Erachtens dem jetzigen gesellschaftlichen Bewußtsein und läßt sich nicht aufhalten. Der Fortschritt hätte in den letzten zwölf Monaten allerdings deutlicher sein können.

Frage:

Sie haben 1997 die Gesellschaft davor gewarnt, Umweltprobleme zu verdrängen, denn dann würden sie nur größer und schwerer lösbar. Handlungsvorschläge lägen auf dem Tisch, Politik und Wirtschaft aber hätten sie noch nicht hinreichend umgesetzt. Wie beurteilen Sie das, was die neue Bundesregierung in Sachen ökologische Steuerreform eingeleitet hat? Reicht das aus, um tatsächlich zu nachhaltigen Veränderungen zu finden?

Prof. Dr. Ulrich:

Die rot-grüne Koalition steht dafür, Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit durch gesetzliche Regelungen wie die ökologische Steuerreform zu fördern. Nun ist das ökonomisch-sozial-ökologische System, in dem Politik steuern soll, außerordentlich dynamisch und durch Rückkopplungen innerhalb wie zwischen den Systembereichen komplex. Von einer wissenschaftlichen Durchleuchtung sind wir hier noch viel weiter entfernt als bei Ökosystemen. Zur Steuerung dieses Systems sind zum einen klar definierte Ziele für den ökonomischen, den sozialen und den ökologischen Bereich nötig. Hier sehe ich Fortschritte gegenüber der vorherigen Regierung, zumindest in der Ausgewogenheit zwischen den Bereichen, nicht so sehr in der konkreten Zielbeschreibung. Zum andern muß die Regierung Schritte zum Erreichen der Ziele einleiten. Bei der Komplexität und Dynamik des Systems ist es ratsam, diese Schritte nicht zu groß zu wählen, dafür aber beharrlich fortzuschreiten und die Ziele fortlaufend anhand der Erfahrung fortzuschreiben. Die rot-grüne Koalition fängt mit kleinen Schritten an. Das braucht kein Fehler zu sein, wenn sie die nötige Umsicht und Beharrlichkeit aufbringt.