Frage:
Herr Professor Dr. Ulrich, vor knapp einem Jahr sind Sie gemeinsam mit Herrn Dr. Paul und
Herrn Dr. Otto mit dem Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück)
ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio lobte Prof. Dr. Steger Ihren Mut, in der
universitären Forschung neue Wege gegangen zu sein, die Erkenntnisse in die Gesellschaft
getragen und damit politische Konsequenzen produziert zu haben. Hat Ihre mutige,
wegweisende, nachhaltige Tat weitere Beispiele gesetzt?
Prof. Dr. Ulrich:
Das Verhalten des einzelnen ist in gesellschaftliche Entwicklungen eingebettet, also
eigentlich nicht solitär zu sehen. Die 68er Bewegung hatte gezeigt, wenn auch in anderen
gesellschaftlichen Bereichen, daß sich verfestigte, aber überholte Meinungen und
Verhaltensweisen aufbrechen lassen. Das hat mir sicherlich geholfen, auch im Bereich
meiner wissenschaftlichen Erkenntnis den Versuch zu machen, eine tradierte Vorstellung zu
überwinden: daß nämlich Umweltgifte wie Schwefeldioxid durch Verteilung und Verdünnung
unschädlich gemacht werden können. Die Unsicherheit darüber war weit verbreitet. Es
bedurfte also nur einer guten wissenschaftlichen Basis und eines deutlichen Signals, um das
Bewußtsein in weiten Kreisen der Gesellschaft zu schärfen. Dieses Signal wollte ich geben,
und dies ist mir wohl auch gelungen. Als erste haben sich meine Mitarbeiter als
Multiplikatoren eingesetzt, dann hat dies aber weite Kreise gezogen. Heute ist eine weniger
gläubige und eher kritische Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technik verbreitet.
Dies ist begrüßenswert, wenn es zu einer kritischen Rationalität führt. Auch diese
Veränderung hat nicht nur eine, sondern viele Bewußtseinsveränderungen zur
Veraussetzung. Meine Erkenntnis erwies sich letztlich als Teil der allgemeineren Erkenntnis,
daß atmosphärische Spurenstoffe nicht nur regionale Auswirkungen auf Ökosysteme,
sondern globale Auswirkungen auf das Klima haben. Diese Erkenntnis wird zu Recht mit dem
Deutschen Umweltpreis 1998 ausgezeichnet.
Frage:
Prof. Dr. Steger hat Sie als "einen der Väter der Ökosystemforschung nicht nur in
Deutschland" bezeichnet, dem es durch seine Forschung gelungen sei, Grundlagen für
umfassende Maßnahmen der Luftreinhaltung in Deutschland und ganz Europa zu schaffen.
Dabei hätten Sie sich allerdings in der Einsamkeit desjenigen befunden, "der einen
schwellenartigen und gesellschaftlich verpflichtenden Erkenntnisvorsprung vor einer meist
irritiert reagierenden Kollegenschaft errungen hat". Hat die Verleihung des Deutschen
Umweltpreises unter diesem Aspekt zu einer verstärkten Akzeptanz Ihres
Forschungsansatzes geführt?
Prof. Dr. Ulrich:
Die Erwartungshaltung an die Ökosystemforschung war groß, zu groß. Die Vernetzung der
Prozesse in derart komplexen Systemen einer Vielzahl von Lebewesen und ihrer Umwelt läßt
sich nicht in fünf oder zehn Jahren Forschung kristallklar entwirren. Die
Waldschadensforschung hat einen enormen Erkenntnisgewinn gebracht, sie konnte jedoch
noch keine restlose Klarheit über die komplexen Wirkungsketten erbringen. Die Lösung
dieser Aufgabe ist Teil eines allgemeinen Verständnisses der Prozeßabläufe in
Waldökosystemen. Dieses Verständnis zu gewinnen, erfordert einen längeren Atem in der
Forschungsförderung. Die Gesellschaft muß sich darüber klar sein, daß die Entwicklung der
Ökosystemforschung für das Verständnis unserer Erde und für unser Wirtschaften auf ihr
unerläßlich ist. Sie muß dieser Forschung Zeitspannen von Jahrzehnten wie anderen
Forschungsgebieten auch einräumen. Dessen müßten sich die Förderungsgremien bewußt
sein. Die Verleihung des Umweltpreises ist dem förderlich gewesen.
Frage:
Sie selbst haben in Ihrem Vortrag bei der Preisverleihung im Vorjahr als Fernziel
wirtschaftlicher Entwicklung definiert, ein wirtschaftliches, soziales und ökologisches
System zu stabilisieren, das es Menschen ermöglicht, auf menschenwürdigem Wohlbefinden
gewährleistenden Niveau zu leben. Stichwort: nachhaltige Entwicklung. Sind wir in den
vergangenen zwölf Monaten in dieser Richtung in Deutschland einen Schritt weiter
gekommen?
Prof. Dr. Ulrich:
Hier muß zwischen der nationalen Politik und dem lokalen Handeln unterschieden werden. In
der nationalen Politik kann ich in den letzten zwölf Monaten keine entscheidenden Impulse
für eine verstärkte Nachhaltigkeit der Entwicklung erkennen. Auf lokaler Ebene gibt es
natürlich Stagnation, aber auch viel Positives. Meine Mitpreisträger sind dafür leuchtende
Beispiele. Innovationen entwickeln sich in Köpfen, in Gruppen, lokal. Der Fortschritt setzt
sich langsam, sehr langsam, von unten nach oben, von der lokalen zur nationalen Ebene
durch. Auf der nationalen Ebene ist es sowohl möglich, den Fortschritt zu blockieren, wie
auch ihn im Rahmen von Gesetzgebung und Verwaltung zu fördern. Die Politik kann also die
Entwicklung steuern. Unsere Demokratie funktioniert hinreichend, um die Anpassung der
Politik an die Bedürfnisse der Menschen in einem allerdings nicht immer geradlinig
fortschreitenden Entwicklungsprozeß zu erreichen. Das Fortschreiten in Richtung auf eine
größere Nachhaltigkeit entspricht meines Erachtens dem jetzigen gesellschaftlichen
Bewußtsein und läßt sich nicht aufhalten. Der Fortschritt hätte in den letzten zwölf
Monaten allerdings deutlicher sein können.
Frage:
Sie haben 1997 die Gesellschaft davor gewarnt, Umweltprobleme zu verdrängen, denn dann
würden sie nur größer und schwerer lösbar. Handlungsvorschläge lägen auf dem Tisch,
Politik und Wirtschaft aber hätten sie noch nicht hinreichend umgesetzt. Wie beurteilen Sie
das, was die neue Bundesregierung in Sachen ökologische Steuerreform eingeleitet hat?
Reicht das aus, um tatsächlich zu nachhaltigen Veränderungen zu finden?
Prof. Dr. Ulrich:
Die rot-grüne Koalition steht dafür, Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit durch
gesetzliche Regelungen wie die ökologische Steuerreform zu fördern. Nun ist das
ökonomisch-sozial-ökologische System, in dem Politik steuern soll, außerordentlich
dynamisch und durch Rückkopplungen innerhalb wie zwischen den Systembereichen
komplex. Von einer wissenschaftlichen Durchleuchtung sind wir hier noch viel weiter
entfernt als bei Ökosystemen. Zur Steuerung dieses Systems sind zum einen klar definierte
Ziele für den ökonomischen, den sozialen und den ökologischen Bereich nötig. Hier sehe ich
Fortschritte gegenüber der vorherigen Regierung, zumindest in der Ausgewogenheit
zwischen den Bereichen, nicht so sehr in der konkreten Zielbeschreibung. Zum andern muß
die Regierung Schritte zum Erreichen der Ziele einleiten. Bei der Komplexität und Dynamik
des Systems ist es ratsam, diese Schritte nicht zu groß zu wählen, dafür aber beharrlich
fortzuschreiten und die Ziele fortlaufend anhand der Erfahrung fortzuschreiben. Die
rot-grüne Koalition fängt mit kleinen Schritten an. Das braucht kein Fehler zu sein, wenn sie
die nötige Umsicht und Beharrlichkeit aufbringt.