04.11.1998 | "Fazit ein Jahr danach:" Interview mit Dr.-Ing. Joachim Paul, Geschäftsführer der Integral Energietechnik, Flensburg

Träger des Deutschen Umweltpreises 1997 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, Osnabrück



Frage:

Herr Dr. Paul, vor knapp einem Jahr sind Sie gemeinsam mit Herrn Prof. Dr. Ulrich und Herrn Dr. Otto mit dem Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio lobte Prof. Dr. Steger die Intelligenz der ökologischen Innovationen Ihres Unternehmen Integral im Bereich der Kältetechnik. "Ein Weg entsteht dadurch, daß man ihn geht", ist Ihr Unternehmensmotto. Sind andere auf diesen Weg eingeschwenkt?

Dr. Paul:

Die Erkenntnis "Ein Weg entsteht dadurch, daß man ihn geht" war seit Gründung der Integral unser Motto. Ergo haben wir ihn fortgesetzt und mit neu hinzugekommenen Technologie- und Lizenzpartnern verbreitert. Die "deutsche Krankheit" der Ignoranz und Ängstlichkeit gegenüber neuen Ideen und Verfahren ist immer noch vorhanden, weshalb die Ergebnisse im Ausland - neuerdings sogar in Japan - nach wie vor weitaus besser sind.

Der Deutsche Umweltpreis 1997 hat allerdings dafür gesorgt, daß die Angst vor Neuem langsam einem gewissen Respekt weicht. Es sind Ansätze da, die hoffen lassen. Immerhin ist die Glaubwürdigkeit der Integral Verfahren seit der Preisverleihung gestiegen und drückt sich hoffentlich bald in zunehmender Akzeptanz aus.

Frage:

Sie selbst haben in Ihrem Vortrag bei der Preisverleihung im Vorjahr massiv kritisiert, daß deutsche Erfindungen immer erst außerhalb Deutschlands und Europas in die Praxis umgesetzt und damit zum Geschäftserfolg führten. Erst, wenn sie im Ausland akzeptiert seien, breiteten sie sich im eigenen Land aus. Hat der Umweltpreis da etwas verändert?

Dr. Paul:

Wie bereits angedeutet ist das Geschäft im Ausland immer noch weitaus bedeutsamer als im Inland. Bezeichnenderweise kamen die beiden ersten Gratulationen nach der Preisverkündigung aus Hong Kong und Kopenhagen, wie auch immer die Kunde so rasch dorthin dringen konnte.

Unverändert sind wir daher dankbar, daß man im Ausland ökologische Technik höher einstuft als bei uns. Dies erklärt sich allerdings auch aus der Tatsache, daß die heimische Kälteindustrie stark und selbstbewußt ist und davon ausgeht, daß man es hierzulande schon richtig mache. In vielen Ländern ist man zum Teil technologisch auf Importe angewiesen und daher eher gewohnt, neue Impulse aufzunehmen.

Woran wir uns im Inland am meisten reiben ist a) die Unwilligkeit des Bauherrn, seinem Planer neue Verfahren ausdrücklich vorzuschreiben und b) die Unfähigkeit oder Unlust vieler Planer, sich neuer Verfahren anzunehmen. Man macht das, was man schon immer machte und verschwendet die Zeit lieber auf Gegenmaßnahmen und Überredungskünste gegenüber dem Bauherrn. Wenn ein Planer etwas ablehnt, widerspricht der Bauherr in aller Regel nicht mehr.

Integral hat in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Kooperations- und Lizenzabkommen mit ausländischen Partnern geschlossen. Die daraus resultierenden Aktivitäten werden auch auf Deutschland wettbewerblich ausstrahlen und letztlich dazu führen, daß auch im Inland weiteres Interesse geweckt wird.

Frage:

Sie haben 1997 die Politik aufgefordert, alle zur Verfügung stehenden politischen Druckmittel einzusetzen, um eine völlig ökologische Technik wie ihre Kältetechnik national und international als "Stand der Technik" einzuführen. Haben Sie seit der Verleihung des Umweltpreises Bewegung in diese Richtung registriert?

Dr. Paul:

Es steht mir und dem Unternehmen Integral natürlich nicht an zu fordern, daß Zwang zum Einsatz unserer Produkte und Verfahren ausgeübt werden solle. Ich schließe mich hier der Vorstellung von Greenpeace an, den allgemeinen Einsatz ökologischer Verfahren dann - und dann auch rigoros - einzufordern und durch Rahmenbedingungen zu stützen, wenn sie als die bessere Alternative zur Verfügung stehen.

Es ist in unserem Land leider zu wenig Euphorie für Neues zu spüren, vielmehr werden Dinge ausdiskutiert, ohne Taten folgen zu lassen. Die Papierflut von Gutachten, Stellungnahmen, Studien usw. steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu den Ergebnissen. Es sind stets dieselben Interessengruppen, welche vorgeben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Der Kreis der "Papiertiger" alimentiert sich aus sich stets wiederholenden Expertisen. Betrachtet man den Wirkungsgrad derartigen Tuns, so stehen die Ergebnisse in keinem Verhältnis zu den Aufwendungen.

Der Deutsche Umweltpreis 1997 hat dazu geführt, daß sich weitere Interessengruppen unserer Technik annehmen - allerdings nicht, um diese einzusetzen, sondern um für sich ein Recht einzufordern, gegen Bezahlung (u.a. durch öffentliche Mittel) auch mitbeteiligt zu werden. Bedauerlicherweise werden zur Begründung (Schein)argumente angeführt, welche den Stand der Technik diskriminieren, um daraus Mittelbedarf für weitere Forschung zu reklamieren.

Frage:

"Unser Wirtschaften muß Maß nehmen am Haushalt der Natur", hat Ihr Mitpreisträger Dr. Otto 1997 gefordert - und sich immer aktiv für einen gesellschaftlichen Strukturwandel eingesetzt. Stichwort: ökologische Steuerreform. Wie beurteilen Sie das, was die neue Bundesregierung hier eingeleitet hat? Reicht das aus, um tatsächlich zu nachhaltigen Veränderungen zu finden?

Dr. Paul:

"Der Berg hat gekreißt und ein Mäuschen geboren" oder "nicht Fisch und nicht Fleisch". Eine Radikalreform hätte den Arbeitssuchenden nicht geholfen und den Wirtschaftsstandort in unzumutbarer Weise negativ verändert, keine Reform hätte eine Wandlung - zwar in kleinen Schritten, aber immerhin - fortgesetzt und das markig angekündigte "Reförmchen" ist bestenfalls eine Strafexpedition. Reformen kann man nicht verordnen, sie müssen zuerst im Kopf herbeigeführt werden.

Ökologische Verantwortung manifestiert sich nicht (nur) im Aktionismus einer Bürgerinitiative oder einer Demonstration, es ist unser eigenes Verhalten im täglichen Leben. Unser Kauf- und Konsumverhalten ist letztlich verantwortlich für das Angebot der Wirtschaft und des Handels und daher ursächlich. Es muß für sinnvolles Verhalten geworben werden, Personen des öffentlichen Lebens müssen unter praxisnahen Voraussetzungen vorleben, wie man es richtig macht.

Qualität definiert sich nicht nur aus dem Gebrauchs- oder "Fun"wert eines Gegenstandes oder einer Leistung, sondern aus der Nachhaltigkeit. Langlebige Güter, eine gewisse Zeitlosigkeit, vertretbare Grundstoffe und die Vermeidung sinnloser Transportwege sind qualitative Merkmale, welche der Mode oder dem Trend entgegengesetzt werden müssen.

Ohne Begeisterung für das sinnvoll Neue sind Kommadoreformen zum Scheitern verurteilt, da sie von der Bevölkerung nicht mitgetragen werden. Man soll nicht nur gebieten, sondern anhand zahlreicher guter Beispiele die Vorzüge ökologischer Bemühungen aufzeigen. Beispiele: Wie und wodurch hat sich die Rheinwasserqualität verbessert? Welche Erfolge hat man bei der Müllentsorgung oder Luftreinhaltung erzielt, und welchen Beitrag haben die Bürger im Lande geleistet? Wie kann der Konsument die ökologische Qualität von Waren erkennen, und was bewirkt deren Verwendung? Man könnte die Liste beliebig fortsetzen.