Die Diplom-Ingenieure Hans-Jürgen Lowalt, Alfred Reinicke und Heiner von Riegen sowie
der Industriekaufmann Uwe Lorenzen saßen Mitte 1996 plötzlich zwischen allen Stühlen.
Vor wenigen Monaten hatte ihr Arbeitgeber, die DASA, den Betriebsteil "Photovoltaik" an die
ASE GmbH, Alzenau, verkauft. Die neuen Eigner verkündeten die Schließung der gesamten
Produktionsstätte in Wedel, Holstein. Begründung: In Deutschland hergestellte
Solargeneratoren mit standardisierten Abmessungen sind zwar technisch konkurrenzfähig,
erzielen aber keine ausreichenden Erlöse. Damit, so schien es, existierte der Standort
Wedel, bislang das Aushängeschild der deutschen Photovoltaik, nicht mehr. Wenn die vier
nicht eine Idee, viel Mut - und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück gehabt
hätten.
Die Idee: Anstatt standardisierter Solargeneratoren nach kunden- bzw. projektspezifischen
Bedürfnissen bauen, insbesondere für die Gebäude-Architektur. In der Praxis hieß das auch:
Entwicklung von Klein- und Nischenmodulen sowie Laminaten in Glas/Glas-technik als
Verbund-Sicherheitsglas für den gesamten Fassaden- und Lichtdachbereich. Viel Mut:
Reinicke, von Riegen, Lowalt und Lorenzen steckten Abfindungen und Ersparnisse in die
Gründung einer eigenen Firma, der "solarnova GmbH & Co KG, Wedel". Um jedoch die
Produktidee umzusetzen, war viel Geld nötig - insgesamt rund 2,6 Millionen Mark. Geld, das
die vier nicht hatten. Daran drohten die Idee und das junge Unternehmen zu scheitern.
Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, 1990 auf der Grundlage eines Bundesgesetzes
entstanden und mit den 2,5 Milliarden Mark aus der Privatisierung des Salzgitter-Konzerns
ausgestattet, erwies sich als ebenso weitsichtig wie die Unternehmensgründer selbst: Mit
ihrer finanziellen Unterstützung wurde sie zum Retter in der Not. Heute, zwei Jahre nach
dem Start, beschäftigt solarnova 16 Mitarbeiter und strebt für dieses Jahr einen Umsatz
von sechs Millionen Mark an.
Fritz Brickwedde, Generalsekretär der im niedersächsischen Osnabrück ansässigen Stiftung,
der größten Umweltstiftung in Europa, begründet das Engagement so: "Uns haben der Mut
zum Risiko, aber auch der technologische Ansatz der vier Gründer von solarnova
beeindruckt und überzeugt, denn: Wenn es gelingt, maßgeschneiderte Solarmodule zu
entwickeln, dann wird diese umweltfreundliche Art der Stromerzeugung für den privaten
Häuslebauer, aber auch für kommerziell genutzte Gebäude hoch interessant."
Die Förderung lohnte sich, wenngleich der Weg dahin in mehrfacher Hinsicht steinig war.
Zwar erwarben die Jungunternehmer für den symbolischen Preis von einer Mark etliche
Produktionsgeräte sowie Büromöbel des bisherigen Arbeitgebers. Zwar waren auch die in
der ASE-Zeit angeknüpften Kontakte hilfreich, aber zur Entwicklung der
"Solar-Maß-Schneiderei" bedurfte es einer Lötanlage und eines "Laminators", beide nach
den Vorgaben der vier Auftraggeber ebenfalls maßgeschneidert.
Denn der Bau eines aufmaßbezogenen Solarmoduls erfolgt so:
Zunächst werden die (eingekauften) zehn mal zehn Zentimeter großen Solarzellen auf die
beabsichtigte Abmessung ausgelegt. Dann werden sie über die "Verbinder", das sind je zwei
verzinnte Kupferbänder pro Zelle, miteinander verlötet. Diese Verbinder "transportieren"
später die zu Strom gewordene Sonnenenergie zur Anschlußdose.
Laminieren hat etwas mit einem Sandwich zu tun: Auf eine Glasscheibe wird eine
Schmelzklebefolie gelegt, auf diese die Solarzellen, darauf wieder eine Folie und schließlich
eine zweite Glasplatte. Im Laminator wird dieses "Solar-Sandwich" mittels eines
Temperatur-Druck-Vakuum-Systems untrennbar miteinander verbunden - das Solarmodul in
Sicherheits-Verbundglas-Technik ist fertig.
Welche Möglichkeiten in diesem individuellen Fertigungsverfahren liegen, zeigen zwei völlig
unterschiedliche Aufträge: solarnova bekam den Auftrag über mehrere Tausend Solarmodule
für Warenautomaten, die das elektronische Münzprüfungssystem speisen werden. Das
Runddach des Bremer Cafés "Ambiente" erhielt ein kombiniertes Glas-Solar-Dach, das seinen
optischen Reiz aus den strahlenförmig von der Mitte ausgehenden blauen Solarzellen
bezieht.
Daß Maßarbeit nicht unbedingt mit "klein" gleichzusetzen ist, bewiesen die Solartüftler aus
Wedel in Hannover: Dort bauten sie für die Fassade des Verwaltungsgebäudes des
Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) die größten Solarmodule Europas.
Doch die vier Solar-Tüftler aus Südholstein vergessen nicht, wem sie das zu verdanken
haben. Alfred Reinicke spricht für seine drei Kollegen, wenn er bekennt: "Ohne die Deutsche
Bundesstiftung Umwelt hätten wir unser Unternehmen nicht gründen und aufbauen können.
Sie war die einzige Institution, die uns nicht nur geholfen, sondern uns auch intensiv und
sachkundig betreut hat. Wenn es die Stiftung nicht gäbe, müßte sie erfunden werden."