Umweltstiftung fördert revolutionäres Sortierverfahren
Wenn der Diplom-Ingenieur Hartmut Harbeck "Gelbe Säcke" am Straßenrand stehen sieht,
gerät er ins Träumen. Er sieht dann viele Tausend gelber Säcke, deren buntgemischter
Inhalt einer CommoDaS-Sortieranlage zugeführt wird, um dann lupenrein in seine vielen
Bestandteile zerlegt zu werden. Doch so weit ist es noch nicht, aber immerhin: Das bisher
in Wedel entwickelte Verfahren, mit dem Primär- und Sekundärrohstoffe nach Farben
voneinander getrennt werden können, ist so zukunftsträchtig, daß die Deutsche
Bundesstiftung Umwelt Osnabrück, für die Weiterentwicklung einen Förderzuschuß von
fast 1,5 Millionen Mark bewilligte.
Die automatische Sortierung von Rohstoffen befindet sich heute in den Anfängen ihrer
Entwicklung. So ist zum Beispiel bisher eine automatische Trennung von Sekundärrohstoffen
im Haushaltsmüll nicht möglich. Auch bei der Gewinnung von Primärrohstoffen würde eine
solche Sortierung manche Abraumhalde vermeiden, denn dann könnten Rohstoffe und
Abfallstoffe säuberlich voneinander getrennt werden. So werde der Rohstoffverbrauch
gestreckt und die Umwelt geschont.
Der Firma CommoDaS, seit zehn Jahren in der elektronischen Bildverarbeitung tätig, ist mit
dem Farbsortiersystem MikroSort schon einmal ein großer Wurf gelungen. Und das
funktioniert, einfach beschrieben, so:
Das zu sortierende Produkt fällt geschreddert, das heißt, zerkleinert, ähnlich einem
Wasserfall an der Farbsensorik, also dem "elektronischen Auge", vorbei, das die Farbgebung
auf der Oberfläche eines jeden Teilchens sehr fein abtastet. Diese Informationen werden
einem Hochleistungscomputer zugeführt, der in Bruchteilen einer Sekunde entscheidet, ob
ein Teilchen in dem Rohstoffstrom verbleiben soll oder ob es ein Störstoff ist, der
aussortiert werden muß. Per Luftstrom werden nun die Störstoffe in einen getrennten
Behälter gelenkt, so daß die verschiedenartigen Bestandteile des Produktstromes die
Maschine säuberlich sortiert verlassen. In Geschwindigkeit und Präzision kann kein Mensch
mit der CommoDaS-Anlage mithalten
Dennoch sagt Harbeck: "Unsere Maschine ist noch zu einfältig, denn sie kann nur Farben
auseinanderhalten, und das kann Mißverständnisse beim Sortieren auslösen." Immerhin ist
die "einfältige" Maschine in der Lage, z.B. Mineralien, Altglas und Kunststoff nach Farben zu
trennen und dadurch einen "Müllmix" zu vermeiden. Der Erfolg läßt sich an den vierzig
verkauften Anlagen messen.
Doch die CommoDaS will mehr - und sie glaubt, daß mehr möglich ist. Das Fernziel lautet, im
Ingenieur-Deutsch formuliert: Ein Verfahren entwickeln, das es erlaubt, vielfältige stoffliche
Ströme in ihre Bestandteile zu zerlegen.
Hartmut Harbeck gibt dazu ein Beispiel: "Einem zu entsorgenden Fernsehgerät ist die
Bildröhre entnommen, dann wird es geschreddert. Was übrig bleibt, ist ein Sammelsurium
aus Platinen, die aus Glasfaser und Epoxidharz bestehen, Kunststoff, Metallteilen und
Kupferdrähten. Bisher können wir daraus auf Basis der Farbsortierung lediglich die
Kunststoffteile des Gehäuses konzentrieren. Ziel muß es jedoch sein, die eben genannten
Stoffe fein säuberlich nach Materialart und Kunststoffsorte zu trennen."
Der Weg dahin ist überaus schwierig, denn, so Harbeck: "Wir müssen Sensoren entwickeln
und einbinden, die über eine Unterscheidung nach Farben hinaus weitere stoffliche
Eigenschaften erfassen können. Diese Informationen müssen dann verknüpft und bewertet
werden. Das Problem ist: Es gibt eine Unmenge von Auswahlmöglichkeiten." Und:
CommoDaS muß eine Elektronik bzw. eine Software entwickeln, die in Sekundenbruchteilen
eine gigantische Menge von Informationen verschiedener Sensortypen aufnimmt und
analysiert, um dann ebenso schnell den Druckluftventilen den "richtigen" Befehl zu geben.
Daß solch eine Entwicklung ebenso langwierig wie teuer ist, liegt auf der Hand. Harbeck:
"Wir gehen von Kosten in Höhe von fast 3,4 Millionen Mark aus. Ein solches Budget haben
wir nicht zur Verfügung. Außerdem hat uns die Entwicklung unseres Farbsortier-Verfahrens
bereits finanziell arg strapaziert. Deshalb sind wir der Umweltstiftung von Herzen dankbar,
daß sie an uns glaubt und fast 1,5 Millionen Mark als Förderzuschuß beisteuert. Ohne das
Geld aus Osnabrück hätten wir uns diese Ziele nicht stecken können."
Stiftungschef Fritz Brickwedde ist der festen Überzeugung, daß diese eineinhalb Millionen
Mark gut angelegt sind, denn: "Bereits der jetzt erreichte Standard ist unter ökologischen
Gesichtspunkten faszinierend. Ich bin überzeugt, daß die CommoDaS auch den nächsten
Schritt schafft."
Dann ergäben sich in der Tat phantastische Möglichkeiten der Umweltschonung und
Kosteneinsparung. Zum Beispiel beim Talkum. Dieser Rohstoff wird als wichtiger Füllstoff in
Gegenständen des täglichen Lebens eingesetzt, zum Beispiel bei der Produktion von
Kosmetika, Papier, Farben und Kunststoff. Bei seinem Abbau ist es mit Kalkstein und
anderen störenden Mineralien verwachsen. Da derzeit allein aufgrund der Farbe keine
säuberliche Trennung möglich ist, wandern Partien mit hohem Kalksteinanteil gleich auf die
Halde. Harbeck macht Zukunftsmusik: "Wir könnten alle derzeitigen Halden neu ausbeuten,
es blieben nur kleine Häufchen Abfall übrig."
Noch drastischer wäre der Vorteil bei der Salzgewinnung, bei der als Abfallstoff Ton anfällt.
Heute muß das Salz in einem aufwendigen, mehrstufigen Sieb- und Flotationsverfahren
unter Einsatz von Wasser mit chemischen Zusätzen vom Ton getrennt werden. Schon Ende
1999, so ist sich Harbeck sicher, schafft es ein neu entwickeltes CommoDaS-System, diese
Sortierung weitestgehend "trocken" vorzunehmen. Dieses umweltschonende Verfahren spart
Energie und Wasser ein. Ferner entfallen die Kläreinrichtungen für das belastete
Prozeßwasser.