25.08.1998 | Die Eigenart des CommoDaS - Gesellschafters Harbeck:

Bei "Gelben Säcken" gerät er ins Träumen

Umweltstiftung fördert revolutionäres Sortierverfahren

Wenn der Diplom-Ingenieur Hartmut Harbeck "Gelbe Säcke" am Straßenrand stehen sieht, gerät er ins Träumen. Er sieht dann viele Tausend gelber Säcke, deren buntgemischter Inhalt einer CommoDaS-Sortieranlage zugeführt wird, um dann lupenrein in seine vielen Bestandteile zerlegt zu werden. Doch so weit ist es noch nicht, aber immerhin: Das bisher in Wedel entwickelte Verfahren, mit dem Primär- und Sekundärrohstoffe nach Farben voneinander getrennt werden können, ist so zukunftsträchtig, daß die Deutsche Bundesstiftung Umwelt Osnabrück, für die Weiterentwicklung einen Förderzuschuß von fast 1,5 Millionen Mark bewilligte.

Die automatische Sortierung von Rohstoffen befindet sich heute in den Anfängen ihrer Entwicklung. So ist zum Beispiel bisher eine automatische Trennung von Sekundärrohstoffen im Haushaltsmüll nicht möglich. Auch bei der Gewinnung von Primärrohstoffen würde eine solche Sortierung manche Abraumhalde vermeiden, denn dann könnten Rohstoffe und Abfallstoffe säuberlich voneinander getrennt werden. So werde der Rohstoffverbrauch gestreckt und die Umwelt geschont.

Der Firma CommoDaS, seit zehn Jahren in der elektronischen Bildverarbeitung tätig, ist mit dem Farbsortiersystem MikroSort schon einmal ein großer Wurf gelungen. Und das funktioniert, einfach beschrieben, so:

Das zu sortierende Produkt fällt geschreddert, das heißt, zerkleinert, ähnlich einem Wasserfall an der Farbsensorik, also dem "elektronischen Auge", vorbei, das die Farbgebung auf der Oberfläche eines jeden Teilchens sehr fein abtastet. Diese Informationen werden einem Hochleistungscomputer zugeführt, der in Bruchteilen einer Sekunde entscheidet, ob ein Teilchen in dem Rohstoffstrom verbleiben soll oder ob es ein Störstoff ist, der aussortiert werden muß. Per Luftstrom werden nun die Störstoffe in einen getrennten Behälter gelenkt, so daß die verschiedenartigen Bestandteile des Produktstromes die Maschine säuberlich sortiert verlassen. In Geschwindigkeit und Präzision kann kein Mensch mit der CommoDaS-Anlage mithalten

Dennoch sagt Harbeck: "Unsere Maschine ist noch zu einfältig, denn sie kann nur Farben auseinanderhalten, und das kann Mißverständnisse beim Sortieren auslösen." Immerhin ist die "einfältige" Maschine in der Lage, z.B. Mineralien, Altglas und Kunststoff nach Farben zu trennen und dadurch einen "Müllmix" zu vermeiden. Der Erfolg läßt sich an den vierzig verkauften Anlagen messen.

Doch die CommoDaS will mehr - und sie glaubt, daß mehr möglich ist. Das Fernziel lautet, im Ingenieur-Deutsch formuliert: Ein Verfahren entwickeln, das es erlaubt, vielfältige stoffliche Ströme in ihre Bestandteile zu zerlegen.

Hartmut Harbeck gibt dazu ein Beispiel: "Einem zu entsorgenden Fernsehgerät ist die Bildröhre entnommen, dann wird es geschreddert. Was übrig bleibt, ist ein Sammelsurium aus Platinen, die aus Glasfaser und Epoxidharz bestehen, Kunststoff, Metallteilen und Kupferdrähten. Bisher können wir daraus auf Basis der Farbsortierung lediglich die Kunststoffteile des Gehäuses konzentrieren. Ziel muß es jedoch sein, die eben genannten Stoffe fein säuberlich nach Materialart und Kunststoffsorte zu trennen."

Der Weg dahin ist überaus schwierig, denn, so Harbeck: "Wir müssen Sensoren entwickeln und einbinden, die über eine Unterscheidung nach Farben hinaus weitere stoffliche Eigenschaften erfassen können. Diese Informationen müssen dann verknüpft und bewertet werden. Das Problem ist: Es gibt eine Unmenge von Auswahlmöglichkeiten." Und: CommoDaS muß eine Elektronik bzw. eine Software entwickeln, die in Sekundenbruchteilen eine gigantische Menge von Informationen verschiedener Sensortypen aufnimmt und analysiert, um dann ebenso schnell den Druckluftventilen den "richtigen" Befehl zu geben.

Daß solch eine Entwicklung ebenso langwierig wie teuer ist, liegt auf der Hand. Harbeck: "Wir gehen von Kosten in Höhe von fast 3,4 Millionen Mark aus. Ein solches Budget haben wir nicht zur Verfügung. Außerdem hat uns die Entwicklung unseres Farbsortier-Verfahrens bereits finanziell arg strapaziert. Deshalb sind wir der Umweltstiftung von Herzen dankbar, daß sie an uns glaubt und fast 1,5 Millionen Mark als Förderzuschuß beisteuert. Ohne das Geld aus Osnabrück hätten wir uns diese Ziele nicht stecken können."

Stiftungschef Fritz Brickwedde ist der festen Überzeugung, daß diese eineinhalb Millionen Mark gut angelegt sind, denn: "Bereits der jetzt erreichte Standard ist unter ökologischen Gesichtspunkten faszinierend. Ich bin überzeugt, daß die CommoDaS auch den nächsten Schritt schafft."

Dann ergäben sich in der Tat phantastische Möglichkeiten der Umweltschonung und Kosteneinsparung. Zum Beispiel beim Talkum. Dieser Rohstoff wird als wichtiger Füllstoff in Gegenständen des täglichen Lebens eingesetzt, zum Beispiel bei der Produktion von Kosmetika, Papier, Farben und Kunststoff. Bei seinem Abbau ist es mit Kalkstein und anderen störenden Mineralien verwachsen. Da derzeit allein aufgrund der Farbe keine säuberliche Trennung möglich ist, wandern Partien mit hohem Kalksteinanteil gleich auf die Halde. Harbeck macht Zukunftsmusik: "Wir könnten alle derzeitigen Halden neu ausbeuten, es blieben nur kleine Häufchen Abfall übrig."

Noch drastischer wäre der Vorteil bei der Salzgewinnung, bei der als Abfallstoff Ton anfällt. Heute muß das Salz in einem aufwendigen, mehrstufigen Sieb- und Flotationsverfahren unter Einsatz von Wasser mit chemischen Zusätzen vom Ton getrennt werden. Schon Ende 1999, so ist sich Harbeck sicher, schafft es ein neu entwickeltes CommoDaS-System, diese Sortierung weitestgehend "trocken" vorzunehmen. Dieses umweltschonende Verfahren spart Energie und Wasser ein. Ferner entfallen die Kläreinrichtungen für das belastete Prozeßwasser.