25.08.1998 | Ormecon-Chef Dr. Bernhard Weßling hat ein großes Ziel:

Den Kampf gegen den Rost will er gewinnen

Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert sensationelles Rostschutz-Verfahren

"Der Visionär unterscheidet sich von einem Träumer dadurch, daß er seinen Traum realisieren kann", sagt Bernhard Weßling, Chef der Ammersbeker Ormecon Chemie GmbH. Einen wichtigen Teil seines Lebenstraumes hat der promovierte Chemiker und passionierte Naturschützer bereits verwirklicht: Sein Unternehmen ist weltweit das einzige, das auf der Basis von Polyanilin einen Rostschutz herstellen kann, der, je nach Einsatz, drei- bis fünfmal so lange hält wie herkömmliche Produkte - bei nur etwa der halben Beschichtungsdicke. Der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) war das sensationelle Verfahren so wichtig, daß sie nach einer Anschubförderung von gut einer Million Mark im Jahre 1994 nun noch einmal 856.000 Mark nachlegte. Weßling begrüßt es, daß sein umweltentlastendes Verfahren das 3.000. Projekt in der siebeneinhalbjährigen Geschichte dieser größten europäischen Umweltstiftung darstellt.

Polyanilin - das ist ein Kunststoff ganz besonderer Art. Er leitet elektrischen Strom. Das weiß man seit über acht Jahrzehnten. Deshalb versuchten viele, auch die großen Chemieunternehmen, ebenso kostenintensiv wie vergeblich, aus diesem ursprünglichen Nebenprodukt etwas Verwertbares zu machen.

Einzig Dr. Weßling gelang der Durchbruch. Denn: "Die anderen versuchten, aus Polyanilin eine Lösung herzustellen. Das klappte nicht. Mein Ansatz war hingegen die Dispersion." "Dispersion" - darunter versteht der Chemiker das feine Zerteilen eines Stoffes in einem anderen. Dann machte er eine weitere, geradezu atemberaubende Entdeckung: polyanilinhaltige Schichten sind der perfekte Rostschutz. Er stellte zudem fest: Polyanilin hat Eigenschaften wie ein Edelmetall.

Damit entfaltete sich die Vision des Dr. Bernhard Weßling: Marktfähige Grundierungen, sogenannte "Primer", zu entwickeln, die mit verschiedenen Decklacken harmonieren und so den Rostschutz revolutionieren können.

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die seit 1991 innovative Verfahren der Umwelttechnik, -forschung und -bildung mit jährlich rund 150 Millionen Mark fördert, zeigte sich beeindruckt von den immensen ökologischen Perspektiven des neuen Rostschutz-Verfahrens und bewilligte 1994 einen Zuschuß von 1,064 Millionen Mark, um die Forschung voranzutreiben.

Jedes Metall, auf das eine Grundierung aufgetragen wird, hat eine andere Haftungseigenschaft. Außerdem reagiert es in jeder Umgebung unterschiedlich auf Rost. Das bedeutet: Dasselbe Metall erfordert, je nachdem, wo es eingesetzt wird, eine spezifische Kombination aus Grundierung und Decklack. Es ist ein Unterschied, ob zum Beispiel Eisen als Träger auf einer Ölplattform in der Nordsee oder als Tür für eine Autogarage auf dem Lande verwendet wird. Für diese fast unzähligen Anforderungen entsprechende Systeme zu finden, erschien als fast unlösbare Aufgabe.

Doch zäh und unverdrossen machte sich Dr. Weßling auch an dieses Problem. Die finanziellen Mittel schmolzen aufgrund der zeit- und kostenintensiven Forschungen wie der Schnee in der Sonne. Als das Geld ausging, verkaufte der Wissenschaftler und Unternehmer Dr. Weßling sogar die mit über 100 Millionen Mark Umsatz hochprofitable Sparte "Kunststoff-Veredelung" der Muttergesellschaft "Zipperling Kessler".

Doch der Erfolg entschädigte für Mühen und Verzicht: Es gelang, diverse Rostschutz-Grundierungen auf der Basis von Polyanilin zu entwickeln, die je nach Einsatzbereich drei- bis fünfmal so lange schützen und außerdem zumeist nur halb so dick aufgetragen werden müssen wie bisherige Produkte. "Corrpassiv" heißen die neuen Ormecon-Grundierungen auf Polyanilin-Basis.

Welchen Kosten- und vor allem Umweltnutzen der neue Rostschutz stiftet, macht Dr. Weßling am Beispiel eines 13.000 BRZ (Bruttoraumzahl) großen Gastankers fest: "Allein der Unterwasser-Rostschutz kostet rund 270.000 Mark, davon 125.000 Mark für das Sandstrahlen und rund 150.000 Mark für Grundierung, Decklack, Anti-Fouling als Schutz gegen Anlagerungen von Pflanzen und Tieren am Rumpf sowie für Löhne. Wenn wir davon ausgehen, daß unser System aus Corrpassiv plus Decklack mindestens dreimal so lange hält, ergeben sich folgende Einsparungen: Zwei Drittel der Kosten für das Sandstrahlen gleich 83.000 Mark plus zwei Drittel der Kosten für Grundierung, Decklack und Löhne gleich 100.000 Mark. Eine weitere Ersparnis ergibt sich durch die Tatsache, daß unsere Grundierung nur halb so dick aufgetragen werden muß. Der ökologische Nutzen läßt sich nicht in Mark und Pfennig beziffern, aber es ist klar, daß der mindestens so weitreichend ist."

Es gibt derzeit sieben Systeme aus Polyanilin-Grundierung und dazu passenden Decklacken, die wahre Rostschutz-Wunder vollbringen. So bei der Brunsbütteler Hydro Agri GmbH, deren Stahlträger bisher aufgrund der sehr "aggressiven" Industrieatmosphäre spätestens alle fünf Jahre völlig entrostet und neu geschützt werden mußten. Im Juli 1997 wurden dort erstmals "Corrpassiv" sowie ein Epoxidharz-Lack als Deckfarbe aufgetragen. Dr. Weßling verspricht: "Die haben jetzt mindestens zehn bis zwölf Jahre Ruhe - um ganz, ganz vorsichtig in der Prognose zu sein."

Die polyanilinhaltigen Beschichtungen haben darüber hinaus die Perspektive, die ökologisch höchst bedenklichen Stoffe Zink und Chrom als rosthemmendes Material zu ersetzen. Das wäre ein gigantischer Durchbruch - und für die Ökologie ein wahrer Segen.

Als Weßling seine bisher erzielten Ergebnisse und vor allem seine weiteren Pläne bei der Umweltstiftung in Osnabrück präsentierte, waren die Experten begeistert. Das Kuratorium der Umweltstiftung entschloß sich deshalb, einen zweiten Förderzuschuß in Höhe von 856.000 Mark zu bewilligen.

Dr. Weßling befindet sich nach eigenem Bekunden in einem "Dauerzustand zwischen Gewißheit und Optimismus", was die Lösung des Problems angeht: "Daß wir Zink in vielen Bereichen als Rostschutz wegbekommen, ist sicher. In einigen Bereichen haben wir bereits die Lösung, in anderen wissen wir, wie der Lösungsweg aussehen wird. Beim Chrom wird es schwieriger, weil die Anforderungen an diese Schichten teilweise anspruchsvoller sind. Aber ich bin zuversichtlich, daß wir auch das schaffen. Ich werde die Umweltstiftung als 3.000. Förderungsempfänger doch nicht blamieren."