Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert sensationelles Rostschutz-Verfahren
"Der Visionär unterscheidet sich von einem Träumer dadurch, daß er seinen Traum
realisieren kann", sagt Bernhard Weßling, Chef der Ammersbeker Ormecon Chemie
GmbH. Einen wichtigen Teil seines Lebenstraumes hat der promovierte Chemiker und
passionierte Naturschützer bereits verwirklicht: Sein Unternehmen ist weltweit das einzige,
das auf der Basis von Polyanilin einen Rostschutz herstellen kann, der, je nach Einsatz,
drei- bis fünfmal so lange hält wie herkömmliche Produkte - bei nur etwa der halben
Beschichtungsdicke. Der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) war das
sensationelle Verfahren so wichtig, daß sie nach einer Anschubförderung von gut einer
Million Mark im Jahre 1994 nun noch einmal 856.000 Mark nachlegte. Weßling begrüßt es,
daß sein umweltentlastendes Verfahren das 3.000. Projekt in der siebeneinhalbjährigen
Geschichte dieser größten europäischen Umweltstiftung darstellt.
Polyanilin - das ist ein Kunststoff ganz besonderer Art. Er leitet elektrischen Strom. Das
weiß man seit über acht Jahrzehnten. Deshalb versuchten viele, auch die großen
Chemieunternehmen, ebenso kostenintensiv wie vergeblich, aus diesem ursprünglichen
Nebenprodukt etwas Verwertbares zu machen.
Einzig Dr. Weßling gelang der Durchbruch. Denn: "Die anderen versuchten, aus Polyanilin
eine Lösung herzustellen. Das klappte nicht. Mein Ansatz war hingegen die Dispersion."
"Dispersion" - darunter versteht der Chemiker das feine Zerteilen eines Stoffes in einem
anderen. Dann machte er eine weitere, geradezu atemberaubende Entdeckung:
polyanilinhaltige Schichten sind der perfekte Rostschutz. Er stellte zudem fest: Polyanilin
hat Eigenschaften wie ein Edelmetall.
Damit entfaltete sich die Vision des Dr. Bernhard Weßling: Marktfähige Grundierungen,
sogenannte "Primer", zu entwickeln, die mit verschiedenen Decklacken harmonieren und so
den Rostschutz revolutionieren können.
Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die seit 1991 innovative Verfahren der
Umwelttechnik, -forschung und -bildung mit jährlich rund 150 Millionen Mark fördert, zeigte
sich beeindruckt von den immensen ökologischen Perspektiven des neuen
Rostschutz-Verfahrens und bewilligte 1994 einen Zuschuß von 1,064 Millionen Mark, um die
Forschung voranzutreiben.
Jedes Metall, auf das eine Grundierung aufgetragen wird, hat eine andere
Haftungseigenschaft. Außerdem reagiert es in jeder Umgebung unterschiedlich auf Rost.
Das bedeutet: Dasselbe Metall erfordert, je nachdem, wo es eingesetzt wird, eine
spezifische Kombination aus Grundierung und Decklack. Es ist ein Unterschied, ob zum
Beispiel Eisen als Träger auf einer Ölplattform in der Nordsee oder als Tür für eine
Autogarage auf dem Lande verwendet wird. Für diese fast unzähligen Anforderungen
entsprechende Systeme zu finden, erschien als fast unlösbare Aufgabe.
Doch zäh und unverdrossen machte sich Dr. Weßling auch an dieses Problem. Die
finanziellen Mittel schmolzen aufgrund der zeit- und kostenintensiven Forschungen wie der
Schnee in der Sonne. Als das Geld ausging, verkaufte der Wissenschaftler und Unternehmer
Dr. Weßling sogar die mit über 100 Millionen Mark Umsatz hochprofitable Sparte
"Kunststoff-Veredelung" der Muttergesellschaft "Zipperling Kessler".
Doch der Erfolg entschädigte für Mühen und Verzicht: Es gelang, diverse
Rostschutz-Grundierungen auf der Basis von Polyanilin zu entwickeln, die je nach
Einsatzbereich drei- bis fünfmal so lange schützen und außerdem zumeist nur halb so dick
aufgetragen werden müssen wie bisherige Produkte. "Corrpassiv" heißen die neuen
Ormecon-Grundierungen auf Polyanilin-Basis.
Welchen Kosten- und vor allem Umweltnutzen der neue Rostschutz stiftet, macht Dr.
Weßling am Beispiel eines 13.000 BRZ (Bruttoraumzahl) großen Gastankers fest: "Allein der
Unterwasser-Rostschutz kostet rund 270.000 Mark, davon 125.000 Mark für das
Sandstrahlen und rund 150.000 Mark für Grundierung, Decklack, Anti-Fouling als Schutz
gegen Anlagerungen von Pflanzen und Tieren am Rumpf sowie für Löhne. Wenn wir davon
ausgehen, daß unser System aus Corrpassiv plus Decklack mindestens dreimal so lange
hält, ergeben sich folgende Einsparungen: Zwei Drittel der Kosten für das Sandstrahlen
gleich 83.000 Mark plus zwei Drittel der Kosten für Grundierung, Decklack und Löhne gleich
100.000 Mark. Eine weitere Ersparnis ergibt sich durch die Tatsache, daß unsere
Grundierung nur halb so dick aufgetragen werden muß. Der ökologische Nutzen läßt sich
nicht in Mark und Pfennig beziffern, aber es ist klar, daß der mindestens so weitreichend
ist."
Es gibt derzeit sieben Systeme aus Polyanilin-Grundierung und dazu passenden Decklacken,
die wahre Rostschutz-Wunder vollbringen. So bei der Brunsbütteler Hydro Agri GmbH,
deren Stahlträger bisher aufgrund der sehr "aggressiven" Industrieatmosphäre spätestens
alle fünf Jahre völlig entrostet und neu geschützt werden mußten. Im Juli 1997 wurden dort
erstmals "Corrpassiv" sowie ein Epoxidharz-Lack als Deckfarbe aufgetragen. Dr. Weßling
verspricht: "Die haben jetzt mindestens zehn bis zwölf Jahre Ruhe - um ganz, ganz
vorsichtig in der Prognose zu sein."
Die polyanilinhaltigen Beschichtungen haben darüber hinaus die Perspektive, die ökologisch
höchst bedenklichen Stoffe Zink und Chrom als rosthemmendes Material zu ersetzen. Das
wäre ein gigantischer Durchbruch - und für die Ökologie ein wahrer Segen.
Als Weßling seine bisher erzielten Ergebnisse und vor allem seine weiteren Pläne bei der
Umweltstiftung in Osnabrück präsentierte, waren die Experten begeistert. Das Kuratorium
der Umweltstiftung entschloß sich deshalb, einen zweiten Förderzuschuß in Höhe von
856.000 Mark zu bewilligen.
Dr. Weßling befindet sich nach eigenem Bekunden in einem "Dauerzustand zwischen
Gewißheit und Optimismus", was die Lösung des Problems angeht: "Daß wir Zink in vielen
Bereichen als Rostschutz wegbekommen, ist sicher. In einigen Bereichen haben wir bereits
die Lösung, in anderen wissen wir, wie der Lösungsweg aussehen wird. Beim Chrom wird es
schwieriger, weil die Anforderungen an diese Schichten teilweise anspruchsvoller sind. Aber
ich bin zuversichtlich, daß wir auch das schaffen. Ich werde die Umweltstiftung als 3.000.
Förderungsempfänger doch nicht blamieren."