27.02.1998 | Humanvermögen der Alten für eine bessere Zukunft der Jungen nutzen

Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert Programm mit fast einer Million Mark - Senioren Perspektiven für nachberufliche Lebensphase bieten

Hannover / Osnabrück. Der immer größer werdenden Gruppe hochqualifizierter, älterer Menschen, die in oder kurz vor ihrer nachberuflichen Lebensphase stehen und mit ihrem breitgefächerten Fach- und Erfahrungswissen auch im Alter aktiv ein Stück Mitverantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft gerade im Umweltsektor tragen wollen, bieten sich jetzt neue Perspektiven. Das Kuratorium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) beschloß unter Vorsitz von Bundesbankpräsident Professor Dr. Hans Tietmeyer, der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter (Hannover) und dem Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung an der Universität Hannover fast eine Million Mark zur Verfügung zu stellen, um ein Programm zu entwickeln, das die freiwillige, nachberufliche und generationsübergreifende Arbeit älterer Menschen im Umweltbereich in Bildung, Beratung, Forschung und Entwicklung fördert. Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Stiftung: "Ein aus wissenschaftlicher, praktischer und politischer Perspektive besonders wichtiges Projekt."

Brickwedde betonte in einer Pressemitteilung der größten Umweltstiftung Europas, daß in den vergangenen Jahren die junge Generation stark im Mittelpunkt von Umweltbildungsaktivitäten gestanden habe. Dagegen falle das Interesse an der älteren Generation stark ab. Bundesweit gebe es nur vereinzelt Vorhaben der Umweltbildung, die sich auf diese Zielgruppe bezögen. Brickwedde: "Vor dem Hintergrund der bekannten gravierenden Umweltprobleme und angesichts des demographischen und sozialen Strukturwandels in der Gesellschaft ist es erstaunlich, daß das Wissens- und Erfahrungspotential der älteren Generation für den Umweltsektor bisher so wenig genutzt wird."

Dabei werde die deutsche Gesellschaft strukturell immer älter, die durch eine höhere Lebenserwartung freie Zeit immer mehr, so Professor Dr. Clemens Geißler von der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter. Auch die körperlichen und geistigen Fähigkeiten älterer Menschen verbesserten sich relativ. Hinzu komme, daß ein immer höherer Anteil der älter werdenden Männer und Frauen eine qualifizierte Ausbildung erhalten habe. Ältere Menschen stellten deshalb ein "großes quantitatives und qualitatives Potential freiwilliger, ehrenamtlicher Arbeit" dar, für das sich als Ergebnis jüngster wissenschaftlicher Forschungen in besonderem Maße auch der Umweltschutz eigne. Geißler: "Es ist Zeit, das Humanvermögen älterer Menschen zu entdecken, anzuerkennen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen!"

Das Modellprojekt wende sich an die Senioren, die über Kompetenz für den Einsatz in Bildung und Beratung, Forschung und Entwicklung im Umweltbereich verfügten und sich nachberuflich ehrenamtlich engagieren wollten, um vor allem lebenslange Erfahrungen an Jüngere zu vermitteln. Sie könnten im Bildungsbereich in für alle Altersstufen konzipierten Weiterbildungsprogrammen aktiv werden etwa bei der Anlage und dem Betrieb von Natur- und Waldlehrpfaden, bei der Begleitung von Exkursionen in Umweltprojekten, bei der Mitwirkung an Ausstellungen und Umweltaktionen zur öffentlichen Bewußtseinsbildung oder beim Erstellen von Lehrmaterialien oder als Referenten in der Erwachsenenbildung.

Kleinen und mittleren Unternehmen könnten die Älteren als "Senior-Umwelt-Experten" Hilfestellung bieten, zur Beratung von Kommunen etwa im Bereich der Flächen- und Bebauungsplanung zur Verfügung stehen. Schulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen, Vereinen, Verbänden und Politikern vor allem auf lokaler und regionaler Ebene könnten sie wichtige Ratgeber sein. Geißler: "Die Älteren sind aufgrund ihrer vielfältigen Erfahrungen und Unabhängigkeit in besonderem Maße geeignet, in Konfliktfeldern des Umweltbereiches eine Moderationsrolle zu übernehmen." Vortrags- oder Gutachtertätigkeiten seien schließlich auch im Bereich der Umweltforschung denkbar.

Die Umsetzung des Modellvorhabens setze im wesentlichen auf zwei Schritte. Zunächst würden bestehende Beispiele nachberuflichen, freiwilligen Engagements Älterer im Umweltbereich ermittelt, analysiert und dokumentiert. Dabei würden Erkenntnisse gewonnen, die für die Förderung weiterer Initiativen und für eine Weiterentwicklung des Programms von Nutzen seien. Insgesamt 30 Projekte sollten hier ausgewertet werden. Dann sollten neue Initiativen ins Leben gerufen werden. Zielzahl seien hier 40 völlig neue Initiativen beziehungsweise Aktivitäten.

Um Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation sicherzustellen, werde eine Adreßdatenbank aufgebaut, aus der Interessenten für ein solches ehrenamtliches Engagement, aber auch Abnehmer der Seniorenkompetenzen zu entnehmen seien. Insgesamt 15 regionale Workshops sollten als Projektbörse zum Austausch, zur Herstellung von Kooperationsbeziehungen und zur Entwicklung neuer Projektideen durchgeführt werden. Ein "Netzwerkbrief Alter für die Umwelt" solle sechsmal herausgegeben werden, eine jährlich stattfindende Tagung den Entwicklungsstand und die Entwicklungsperspektiven des Projektes darstellen und diskutieren. Auch im "Medium der Jungen", im Internet, solle das Vorhaben präsentiert werden.

Das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung organisiere eine begleitende Vermittlungsstelle und baue bestehende Umweltakademien, Erwachsenenbildungsstätten oder Hochschulen zu regionalen Kooperationspartnern, sogenannten Regional-Agenturen, auf. Mit diesem innovativen Ansatz markiere dieses Projekt, so Brickwedde, "über den Umweltbereich hinaus einen besonderen Stellenwert. Es leistet einen wesentlichen Beitrag zur Umweltentlastung und -vorsorge, aber auch generell zur Integration nachberuflich Tätiger in die Gesellschaft."