Hannover / Osnabrück. Der immer größer werdenden Gruppe hochqualifizierter,
älterer Menschen, die in oder kurz vor ihrer nachberuflichen Lebensphase stehen
und mit ihrem breitgefächerten Fach- und Erfahrungswissen auch im Alter aktiv ein
Stück Mitverantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft gerade im
Umweltsektor tragen wollen, bieten sich jetzt neue Perspektiven. Das Kuratorium
der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) beschloß unter Vorsitz von
Bundesbankpräsident Professor Dr. Hans Tietmeyer, der Deutschen Gesellschaft zur
Förderung der Forschung im Alter (Hannover) und dem Institut für
Entwicklungsplanung und Strukturforschung an der Universität Hannover fast eine
Million Mark zur Verfügung zu stellen, um ein Programm zu entwickeln, das die
freiwillige, nachberufliche und generationsübergreifende Arbeit älterer Menschen im
Umweltbereich in Bildung, Beratung, Forschung und Entwicklung fördert. Fritz
Brickwedde, Generalsekretär der Stiftung: "Ein aus wissenschaftlicher, praktischer
und politischer Perspektive besonders wichtiges Projekt."
Brickwedde betonte in einer Pressemitteilung der größten Umweltstiftung Europas, daß in
den vergangenen Jahren die junge Generation stark im Mittelpunkt von
Umweltbildungsaktivitäten gestanden habe. Dagegen falle das Interesse an der älteren
Generation stark ab. Bundesweit gebe es nur vereinzelt Vorhaben der Umweltbildung, die
sich auf diese Zielgruppe bezögen. Brickwedde: "Vor dem Hintergrund der bekannten
gravierenden Umweltprobleme und angesichts des demographischen und sozialen
Strukturwandels in der Gesellschaft ist es erstaunlich, daß das Wissens- und
Erfahrungspotential der älteren Generation für den Umweltsektor bisher so wenig genutzt
wird."
Dabei werde die deutsche Gesellschaft strukturell immer älter, die durch eine höhere
Lebenserwartung freie Zeit immer mehr, so Professor Dr. Clemens Geißler von der
Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter. Auch die körperlichen und
geistigen Fähigkeiten älterer Menschen verbesserten sich relativ. Hinzu komme, daß ein
immer höherer Anteil der älter werdenden Männer und Frauen eine qualifizierte Ausbildung
erhalten habe. Ältere Menschen stellten deshalb ein "großes quantitatives und qualitatives
Potential freiwilliger, ehrenamtlicher Arbeit" dar, für das sich als Ergebnis jüngster
wissenschaftlicher Forschungen in besonderem Maße auch der Umweltschutz eigne. Geißler:
"Es ist Zeit, das Humanvermögen älterer Menschen zu entdecken, anzuerkennen und der
Allgemeinheit zugänglich zu machen!"
Das Modellprojekt wende sich an die Senioren, die über Kompetenz für den Einsatz in
Bildung und Beratung, Forschung und Entwicklung im Umweltbereich verfügten und sich
nachberuflich ehrenamtlich engagieren wollten, um vor allem lebenslange Erfahrungen an
Jüngere zu vermitteln. Sie könnten im Bildungsbereich in für alle Altersstufen konzipierten
Weiterbildungsprogrammen aktiv werden etwa bei der Anlage und dem Betrieb von Natur-
und Waldlehrpfaden, bei der Begleitung von Exkursionen in Umweltprojekten, bei der
Mitwirkung an Ausstellungen und Umweltaktionen zur öffentlichen Bewußtseinsbildung oder
beim Erstellen von Lehrmaterialien oder als Referenten in der Erwachsenenbildung.
Kleinen und mittleren Unternehmen könnten die Älteren als "Senior-Umwelt-Experten"
Hilfestellung bieten, zur Beratung von Kommunen etwa im Bereich der Flächen- und
Bebauungsplanung zur Verfügung stehen. Schulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen,
Vereinen, Verbänden und Politikern vor allem auf lokaler und regionaler Ebene könnten sie
wichtige Ratgeber sein. Geißler: "Die Älteren sind aufgrund ihrer vielfältigen Erfahrungen und
Unabhängigkeit in besonderem Maße geeignet, in Konfliktfeldern des Umweltbereiches eine
Moderationsrolle zu übernehmen." Vortrags- oder Gutachtertätigkeiten seien schließlich
auch im Bereich der Umweltforschung denkbar.
Die Umsetzung des Modellvorhabens setze im wesentlichen auf zwei Schritte. Zunächst
würden bestehende Beispiele nachberuflichen, freiwilligen Engagements Älterer im
Umweltbereich ermittelt, analysiert und dokumentiert. Dabei würden Erkenntnisse
gewonnen, die für die Förderung weiterer Initiativen und für eine Weiterentwicklung des
Programms von Nutzen seien. Insgesamt 30 Projekte sollten hier ausgewertet werden. Dann
sollten neue Initiativen ins Leben gerufen werden. Zielzahl seien hier 40 völlig neue
Initiativen beziehungsweise Aktivitäten.
Um Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation sicherzustellen, werde eine Adreßdatenbank
aufgebaut, aus der Interessenten für ein solches ehrenamtliches Engagement, aber auch
Abnehmer der Seniorenkompetenzen zu entnehmen seien. Insgesamt 15 regionale
Workshops sollten als Projektbörse zum Austausch, zur Herstellung von
Kooperationsbeziehungen und zur Entwicklung neuer Projektideen durchgeführt werden. Ein
"Netzwerkbrief Alter für die Umwelt" solle sechsmal herausgegeben werden, eine jährlich
stattfindende Tagung den Entwicklungsstand und die Entwicklungsperspektiven des
Projektes darstellen und diskutieren. Auch im "Medium der Jungen", im Internet, solle das
Vorhaben präsentiert werden.
Das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung organisiere eine begleitende
Vermittlungsstelle und baue bestehende Umweltakademien, Erwachsenenbildungsstätten
oder Hochschulen zu regionalen Kooperationspartnern, sogenannten Regional-Agenturen,
auf. Mit diesem innovativen Ansatz markiere dieses Projekt, so Brickwedde, "über den
Umweltbereich hinaus einen besonderen Stellenwert. Es leistet einen wesentlichen Beitrag
zur Umweltentlastung und -vorsorge, aber auch generell zur Integration nachberuflich
Tätiger in die Gesellschaft."