19.01.1998 | Westtürmchen der Thomaskirche: Mit neuem Verfahren Kulturgut sichern

Bundesstiftung Umwelt plant Unterstützung der Restaurierungsarbeiten mit 670.000 Mark - Aggressive Umwelteinflüsse als Verursacher

Leipzig. Die Leipziger Thomaskirche, als musikalische Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs ein herausragendes Kapitel deutscher Kulturgeschichte, soll ihren hohen Stellenwert für Besucher aus aller Welt etwas leichter in das dritte Jahrtausend retten können. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) will der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Thomas-Matthäi für die Beseitigung der Folgen aggressiver Umweltbelastungen erneut 670.000 Mark zur Verfügung zu stellen. Damit sollen bis zum 250. Todestag Bachs am 28. Juli 2000 die beiden 40 Meter aufragenden, schlanken, gotischen Westtürmchen, für die teilweise Einsturzgefahr besteht, mit einem erstmals angewendeten Verfahren restauriert und statisch gesichert werden.

Vor Journalisten in Leipzig ging heute Fritz Brickwedde, Generalsekretär der größten Umweltstiftung Europas, auf Einzelheiten des Verfahrens ein. Die Schäden an der Thomaskirche, die Bauperioden vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert aufweise, seien insbesondere durch hohe Umweltbelastungen in und um Leipzig in den vergangenen Jahrzehnten entstanden. Gefordert seien beispielhafte Lösungen, da das von Baumeistern vergangener Epochen verwendete Steinmaterial wenig widerstandsfähig gegen massive Umwelteinflüsse der Neuzeit sei.

Besonders gefährdet seien die beiden freistehenden Türmchen, sogenannte Fialen, für die sich zusätzliche Probleme für ihre statische Konstruktion aus ihrer extremen Höhe und ihrem Schlankheitsgrad ergäben. Die Besonderheit der Fialen der Thomaskirche bestünde etwa im Vergleich zum Kölner Dom darin, daß ihr Eisenkern nicht aus einem Stück, sondern aus verschiedenen Einzelelementen gefertigt sei. Diesem besonderen Konstruktionsmerkmal sei bei den Restaurierungsarbeiten Rechnung zu tragen. Das nun vorgesehene Verfahren, das bisher noch nirgendwo angewendet worden sei, sehe vor, daß ein neuer Stahlkern in die Türmchen eingezogen werde, der den hauptsächlichen Teil der Windlasten ableite. Der Erhalt der vorhandenen Steinsubstanz komme dann hinzu.

Mit der Anwendung eines solchen Verfahrens würden, so Brickwedde, "neue Wege für die statische Sicherung beschritten, die für ähnliche Problemstellungen an gotischen und neogotischen Kathedralen in Deutschland beispielhaft sind". Gerade dieser Modellcharakter sei es, der die Umweltstiftung zur Unterstützung dieses Vorhabens anrege. Im übrigen habe die Stiftung ja bereits direkt nach Aufnahme ihrer Fördertätigkeit im Jahre 1991 im Rahmen eines Sofortprogrammes für die neuen Bundesländer für die Sanierung des Turmes der Thomaskirche und weitere Arbeiten 5,4 Millionen Mark zur Verfügung gestellt habe.