Leipzig. Die Leipziger Thomaskirche, als musikalische Wirkungsstätte Johann
Sebastian Bachs ein herausragendes Kapitel deutscher Kulturgeschichte, soll ihren
hohen Stellenwert für Besucher aus aller Welt etwas leichter in das dritte
Jahrtausend retten können. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) will
der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Thomas-Matthäi für die
Beseitigung der Folgen aggressiver Umweltbelastungen erneut 670.000 Mark zur
Verfügung zu stellen. Damit sollen bis zum 250. Todestag Bachs am 28. Juli 2000
die beiden 40 Meter aufragenden, schlanken, gotischen Westtürmchen, für die
teilweise Einsturzgefahr besteht, mit einem erstmals angewendeten Verfahren
restauriert und statisch gesichert werden.
Vor Journalisten in Leipzig ging heute Fritz Brickwedde, Generalsekretär der größten
Umweltstiftung Europas, auf Einzelheiten des Verfahrens ein. Die Schäden an der
Thomaskirche, die Bauperioden vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert aufweise, seien
insbesondere durch hohe Umweltbelastungen in und um Leipzig in den vergangenen
Jahrzehnten entstanden. Gefordert seien beispielhafte Lösungen, da das von Baumeistern
vergangener Epochen verwendete Steinmaterial wenig widerstandsfähig gegen massive
Umwelteinflüsse der Neuzeit sei.
Besonders gefährdet seien die beiden freistehenden Türmchen, sogenannte Fialen, für die
sich zusätzliche Probleme für ihre statische Konstruktion aus ihrer extremen Höhe und ihrem
Schlankheitsgrad ergäben. Die Besonderheit der Fialen der Thomaskirche bestünde etwa im
Vergleich zum Kölner Dom darin, daß ihr Eisenkern nicht aus einem Stück, sondern aus
verschiedenen Einzelelementen gefertigt sei. Diesem besonderen Konstruktionsmerkmal sei
bei den Restaurierungsarbeiten Rechnung zu tragen. Das nun vorgesehene Verfahren, das
bisher noch nirgendwo angewendet worden sei, sehe vor, daß ein neuer Stahlkern in die
Türmchen eingezogen werde, der den hauptsächlichen Teil der Windlasten ableite. Der
Erhalt der vorhandenen Steinsubstanz komme dann hinzu.
Mit der Anwendung eines solchen Verfahrens würden, so Brickwedde, "neue Wege für die
statische Sicherung beschritten, die für ähnliche Problemstellungen an gotischen und
neogotischen Kathedralen in Deutschland beispielhaft sind". Gerade dieser Modellcharakter
sei es, der die Umweltstiftung zur Unterstützung dieses Vorhabens anrege. Im übrigen habe
die Stiftung ja bereits direkt nach Aufnahme ihrer Fördertätigkeit im Jahre 1991 im Rahmen
eines Sofortprogrammes für die neuen Bundesländer für die Sanierung des Turmes der
Thomaskirche und weitere Arbeiten 5,4 Millionen Mark zur Verfügung gestellt habe.