Dresden. "Dauerhaftes zu schaffen, ist unsere Aufgabe. Das gilt für den Umweltschutz, vor allem gilt es aber für die Sicherung von Frieden, Einheit und Freiheit in Deutschland und Europa. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die von ihr geförderten Projekte und Initiativen und die Preisträger des Umweltpreises leisten ihren Beitrag zu dieser großen Zukunftsaufgabe. Ich würde mich freuen, wenn aus den Preisträgern der Jahre 1993, 1994 und der kommenden Perioden eine Gemeinschaft erwachsen würde, die im Sinne des Philosophen Popper nicht fragt 'Was wird kommen?', sondern sich vielmehr von dem Gedanken leiten läßt 'Was sollen wir tun? Tun, um möglichst die Welt ein wenig besser zu machen'". - Mit diesen Worten verlieh am Sonntagmittag in der Semperoper in Dresden Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) an die Preisträger des Jahres 1994. Von dem mit einer Million Mark höchstdotierten Umweltpreis der Welt gingen 400.000 Mark an die beiden Max-Planck-Wissenschaftler Professor Dr. Paul J. Crutzen (Mainz) und Dr. Frank Arnold (Heidelberg), je 300.000 Mark an die Umweltinitiativen der Wirtschaft in Ostwestfalen sowie Dorf und Verein Ökospeicher Wulkow bei Frankfurt an der Oder (Brandenburg).
Chance für den Umweltschutz
Begrüßt hatte die rund 1.300 Gäste Bundesbankpräsident Dr. Hans Tietmeyer, Vorsitzender des Kuratoriums der größten Umweltstiftung Europas, die den Deutschen Umweltpreis 1994 zum zweitenmal vergab. Er wies darauf hin, daß die Stiftung in ihrer dreijährigen Fördertätigkeit rund 900 Umweltschutzprojekte mit einem Fördervolumen von rund 500 Millionen Mark bewilligt habe. Dabei habe der besondere Förderschwerpunkt in den neuen Bundesländern gelegen, in die rund zwei Drittel dieser Mittel geflossen seien. Gerade hier bestehe die Chance, daß die neuen, noch umzugestaltenden Betriebe von vornherein den Umweltschutz als integralen Bestandteil des Aufbaus eines Unternehmens begreifen.
"Umweltschutz muss von der ganzen Gesellschaft getragen werden"
Die Stiftung fördere mit dem Deutschen Umweltpreis wissenschaftliche Spitzenleistungen ebenso wie beispielhafte unternehmerische Innovationen zum Schutz der Umwelt und das Engagement der Bürger, die sich für ein Stück mehr Umweltschutz in ihrer unmittelbaren Umgebung einsetzten. Tietmeyer: "Der Umweltschutz kann und darf nämlich nicht nur die Sache von einigen Spezialisten oder einzelnen Ressorts sein. Er muß vielmehr von einem breiten Konsens in allen Bereichen der Gesellschaft getragen und vorangebracht werden." In diesem Sinne galt die Gratulation des Kuratoriumsvorsitzenden den Preisträgern 1994.
"In bemerkenswerter Weise Belege für wissenschaftliche Thesen zur Ozonzerstörung geliefert"
Nach den Grußworten von Sachsens Ministerpräsident Professor Dr. Kurt Biedenkopf hielt Professor Dr. Philippe Bourdeau, Direktor der Task Force der Europäischen Umweltagentur bei der Europäischen Union in Brüssel, die Laudatio auf die Preisträger Crutzen und Arnold. Bourdeau betonte, daß "das Herumpfuschen an Ökosystemen unserer Erde ein erstes, gewaltiges, globales Problem" hervorgerufen habe: die Ausdünnung der Ozonschicht in der Stratosphäre. Es sei die bemerkenswerte Leistung der ausgezeichneten Max-Planck-Wissenschaftler, daß sie die Beweise für wissenschaftliche Thesen zur Ozonzerstörung geliefert hätten, auf deren Basis lindernde und präventive Maßnahmen ausfindig gemacht und internationale Regelungen zum Schutz der Ozonschicht getroffen worden seien. Bourdeau: "Sie beide haben es durch Ihre sorgfältig geplanten Experimente und Analysen möglich gemacht, die daraus abzuleitende globale Umweltvorsorge zu treffen. So betrachtet sind Forschung und Umsetzung von Erkenntnissen bis in die politische Entscheidungsebene zum Stop der Ozonzerstörung hier einen beispielhaften Weg gegangen."
"Hoffnung, dass uns die schlimmsten Folgen erspart bleiben"
In der Tat sei es als glücklich zu bezeichnen, betonte Professor Dr. Paul Crutzen in seinem Festvortrag, daß die Politik international reagiert habe. Durch eine Verminderung der weltweiten Produktion von Fluorchlorkohlenwasserstoffen, die noch weiter gesenkt werden solle, bestehe die Hoffnung, daß "uns die schlimmsten Folgen noch gerade eben erspart bleiben". Gelehrt habe das unerwartete Auftreten des Ozonlochs aber, daß sich Wissenschaftler nie sicher sein könnten, die wichtigsten Zusammenhänge zwischen den zahlreichen, komplexen, unterschiedlich wirksamen Faktoren gut zu verstehen. Eindringlich mahnte Crutzen, die globalen Veränderungen des Klimasystems nicht zu bagatellisieren. Es müßten alle Anstrengungen unternommen werden, Emissionen von Treibhausgasen stärker zu reduzieren, denn rasche, unvorhersehbare Änderungen seien auch beim Klima nicht auszuschließen. Crutzen: "Wir oder unsere Nachkommen stünden dann sehr hilflos da."
"Festereignis für den gesamten unternehmerischen Mittelstand
In seiner Laudatio auf die Umweltinitiativen der Wirtschaft in Ostwestfalen betonte Dr. Georg Winter, Vorsitzender des Bundesdeutschen Arbeitskreises für umweltbewußtes Management (B.A.U.M.), der heutige Festakt sei ein "Festereignis für den gesamten unternehmerischen Mittelstand". Mit dem Ziel der 157 ostwestfälischen Unternehmen, gemeinsame Umweltstandards zu definieren und sich bei der praktischen Umsetzung gegenseitig zu helfen, könnten diese Initiativen gutes Vorbild für andere Regionen sein. Die Ökonomie müsse sich als ein Untersystem der Ökologie anpassen. Winter: "Umweltschutz ist kein Luxus, sondern gehört in den Betriebsalltag." Insofern sei es notwendig, "global zu denken, aber lokal zu handeln". Zukunftsorientierte, regionale Unternehmensinitiativen müßten deshalb die Innovationsbereiche fördern, denen von Experten höchste Priorität eingeräumt werde: Nutzung einer Bauplanungs- und Fertigungstechnik, Neuentwicklung von Recyclingtechniken für kommunale Abfälle und weitere Verbreitung energieautarker Gebäude und Wohnhäuser.
"Umweltschutz darf nicht Selbstzweck sein"
Für die Umweltinitiativen der Wirtschaft in Ostwestfalen bedankte sich Dr. Bernhard von Schubert für die "ermutigenden Worte". Sein spezieller Dank galt den rund 90.000 Mitarbeitern der 157 Unternehmen, die "durch ihre vorbildliche, umweltbezogene Arbeit dazu beigetragen haben, daß die erzielten Erfolge möglich geworden sind". Er stellte heraus, daß Umweltschutz nicht Selbstzweck sein könne, immer wieder Anregungen und Herausforderungen nötig seien, um von der Idee zur Umsetzung zu gelangen. Umweltschutz am Arbeitsplatz bei der Produktion sei das, worauf es ankomme. Von Schubert: "Bei allem unserem Tun ist es wichtig, den Umweltschutzgedanken, die ökologische Dimension zu berücksichtigen." Umweltschutz sei nicht etwas Zusätzliches, sondern müsse in den Alltag integriert werden. Ohne Berücksichtigung der ökologischen Langzeitwirkung "haben unsere Betriebe genauso wenig eine Chance wie unsere Umwelt". Eine ökologische Unternehmensführung erhalte langfristig Arbeitsplätze am Standort Deutschland, gewährleiste kurzfristig bessere Marktchancen angesichts der zunehmend umweltorientierten Ansprüche der Verbraucher und Kunden. Von Schubert: "Nur mit neuen Koalitionen, zu der auch die Wirtschaft und die Verbraucher zählen, ist der Umwelt zu helfen. Und der lange Weg zum praktizierten Umweltschutz beginnt jeden Tag wieder mit dem ersten kleinen Schritt."
"Eine nicht alltägliche Bürgerinitiative"
Die Laudatio auf eine "nicht alltägliche Bürgerinitiative, dem Gemeinwohl dienend, dem Erhalt ländlicher Strukturen, ländlicher Kultur", hielt Professor Dr. Michael Succow, Direktor des Botanischen Instituts der Universität Greifswald. Er ging auf die Perspektivlosigkeit ein, vor der das ehemalige Gutsdorf Wulkow in der Endphase der DDR gestanden habe. Aus der Krise des ländlichen Raumes hätten einige Bewohner eine Neubestimmung entwickelt, aus der sie ohne Subventionen für die sie umgebende Kulturlandschaft eine Perspektive geschaffen hätten. Es sei ein ökologischer Entwicklungsprozeß in Gang gekommen, anwendungsorientierte, funktionsfähige Projekte seien in Angriff genommen worden. Dabei sei das Prinzip der Wirtschaftlichkeit beachtet, ein Abgleiten in ökologische Utopien verhindert worden. In Wulkow und manch anderem Dorf Ostdeutschlands sei erlebbar, daß Umweltverträglichkeit und Sozialverträglichkeit eng miteinander verknüpft seien und letztendlich auch zu ökonomisch tragfähigem Wirtschaften führten. Succow: "Mögen diese Initiativen weiter ausstrahlen auf unserem Weg zu einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung als dem einzig zukunftsfähigen Weg."
Viele Visionen haben Gestalt angenommen
Als "hohe Wertschätzung für die Arbeit unserer Menschen in den letzten vier Jahren" wertete Marianne Schmidt, langjährige Bürgermeisterin Wulkows, die Auszeichnung des brandenburgischen Dorfes mit dem Deutschen Umweltpreis, ein Dorf, "das zu DDR-Zeiten ohne jegliche Entwicklungschance war". Die Auszeichnung gebe neue Kraft und Energie und motiviere die Menschen besonders im ländlichen, strukturschwachen Raum, "ihre Arbeit ökologisch und ökonomisch neu zu orientieren und zu organisieren". Sie erinnerte daran, daß Wulkow einen unbekannten, mit vielen Gefahren verbundenen Weg hin zu einer ökologischen Dorfentwicklung in allen Lebensbereichen gegangen und dabei anfangs belacht worden sei. Schließlich hätten viele Visionen Gestalt angenommen. Projekte und Eigeninitiativen hätten sich zu kleinen selbständigen und marktfähigen Wirtschaftseinheiten entwickelt und bewiesen, "daß Ökologie und Ökonomie durchaus vereinbar sind". Marianne Schmidt würdigte die besonderen Verdienste des Vereines Ökospeicher, der seine zwingend notwendige Fachkompetenz in den Entwicklungsprozeß eingebracht habe. Ihr besonderer Dank galt aber auch den jungen Menschen, die einen "bedeutenden Anteil an der praktischen Verwirklichung einzelner Projekte hatten".
Drei Säulen erfolgreicher Umweltvorsorge
Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel überreichte schließlich den "drei besonders hervorragenden Preisträgern" ihre Urkunden. In ihnen spiegelten sich die drei Säulen erfolgreicher Umweltvorsorge wider: Eigeninitiative und Schaffenskraft der Bürger, über gesetzliche Normen und Auflagen hinausgehende Unternehmen und Grundlagenforscher, die über ökologische, biologische, meteorologische und physikalische Arbeit Rüstzeug für wirksamen Umweltschutz lieferten.