15.10.1995 | "Werden wir nicht müde, die Kraft unserer Gedanken auf den Erhalt allen Lebens zu richten!"

Umweltpreis der Bundesstiftung Umwelt in München durch Finanzminister Dr. Theo Waigel an Klaus Günther und Dr. Georg Winter verliehen

München. Der mit einer Million Mark höchstdotierte Umweltpreis Europas der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (Osnabrück) ist zum drittenmal vergeben. Aus der Hand von Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel nahmen heute in der Philharmonie des Münchner Kulturzentrums Gasteig die Pioniere des Umweltmanagements Klaus Günther (47, Lengerich) und Dr. Georg Winter (54, Hamburg) die Auszeichnung entgegen. Gleichzeitig wurden mit den Preisträgern der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewußtes Management (B.A.U.M.), das International Network for Environmental Management (INEM) und der Förderkreis Umwelt future gewürdigt, Unternehmens-Netzwerke, in denen national und international für die Verbreitung umweltorientierten Denkens und Handelns in der Wirtschaft gesorgt wird und deren "geistige Väter" Winter und Günther sind.

Umweltschutzinvestitionen in Höhe von fast 1,3 Milliarden Mark angestoßen

Begrüßt hatte die rund 1.200 Gäste Bundesbankpräsident Dr. Hans Tietmeyer, Vorsitzender des Kuratoriums der größten Umweltstiftung Europas, die den Deutschen Umweltpreis 1995 zum drittenmal vergab. Er wies darauf hin, daß die Stiftung in ihrer vierjährigen Fördertätigkeit rund 1.600 Umweltschutzprojekte mit einem Fördervolumen von rund 800 Millionen Mark bewilligt habe. Berücksichtige man zudem, daß alle Projektpartner immer auch einen Eigenanteil zu erbringen hätten, so seien durch die Förderarbeit der Stiftung bisher Umweltschutzinvestitionen in Höhe von fast 1,3 Milliarden Mark angestoßen worden.

"Die Märkte der Zukunft werden sich international an der Umweltverträglichkeit orientieren"

Neben diesen Zahlen sei aber vor allem die inhaltliche Betrachtung der Stiftungsarbeit entscheidend. Während Fortschritt noch vor wenigen Jahren als optimistischer Leitbegriff der Industriegesellschaft oft an Verbrauchswerten für Rohstoffe und Energie gemessen worden sei, sei doch heute die Erkenntnis gewachsen, daß langfristig nur solche Unternehmen erfolgreich und überlebensfähig sein könnten, die den Umweltschutz nicht als lästiges Anhängsel, sondern als integrierten und selbstverständlichen Bestandteil des Managements begriffen. Tietmeyer: "Denn die Märkte der Zukunft werden sich zunehmend an der Umweltverträglichkeit orientieren, und zwar nicht nur national, sondern auch international."

"Innovatives Potential gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen fördern"

Dazu bedürfe es innovativer Ideen, der Bereitschaft zu ihrer Umsetzung sowie der Dialogbereitschaft aller am Wirtschaftsprozeß Beteiligten. Daß diese Strategie erfolgreich sei, beweise die Fördertätigkeit der Stiftung, die dazu beigetragen habe, daß schädliche Produkte und Produktionsverfahren durch umweltfreundlichere ersetzt, durch Maßnahmen des Umweltmanagements erhebliche Betriebskostensenkungen erzielt, Energieverbräuche und Abfallmengen reduziert worden seien. Die Stiftung wolle "innovatives Potential gerade in den kleinen und mittelständischen Unternehmen fördern", denn Deutschland müsse auch weltweit betrachtet seine Vorreiterposition bei den Umweltschutztechnologien weiter ausbauen "zum Wohle unserer Umwelt und auch, um auf Dauer wettbewerbsfähig zu bleiben".

"Wichtiges Symbol für die Förderung des Umweltschutzes in Deutschland"

Namens der Bayerischen Staatsregierung begrüßte Dr. Thomas Goppel, Minister für Landesentwicklung und Umweltfragen, die Gäste des Festaktes und dankte der Stiftung für die großzügige Förderung von Umweltmaßnahmen im Freistaat. Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel betonte, daß die Verleihung des Deutschen Umweltpreises zu einem wichtigen Symbol für die Förderung des Umweltschutzes in Deutschland geworden sei. Es sei ein ermutigendes Zeichen, daß sich umweltorientierte Unternehmen und umweltorientierte Produkte am Markt zunehmend durchsetzten. Das habe das Eigeninteresse der Marktteilnehmer, die souveräne Entscheidung der Verbraucher und des Unternehmensmanagements bewirkt. Das sei der "Königsweg" der Umweltpolitik, nicht die "Steuerkeule" oder eine "Paragraphenflut". Diesem "Königsweg" seien die beiden Preisträger verpflichtet. Waigel: "Sie haben gezeigt: konsequenter Umweltschutz liegt im eigenen betriebswirtschaftlichen Interesse der Unternehmen und im volkswirtschaftlichen Interesse. Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze, sie müssen sich ergänzen."

Als erster die Chancen des Umweltschutzes für Unternehmen erkannt

Die Laudationes auf die Preisträger hielt schließlich Dr. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes in Berlin. Dr. Winter sei wohl der erste Unternehmer gewesen, der auch die Chancen des Umweltschutzes für eine dynamische, fortschrittliche Wirtschaftsentwicklung erkannt, die betriebswirtschaftlichen Vorteile eines offensiven Umweltmanagements genutzt und die Erfahrungen anderen auch laut und deutlich mitgeteilt habe. Bereits 1972, als die amtliche deutsche Umweltpolitik noch sehr jung gewesen sei, sei im Hause Winter ein integriertes System umweltorientierten Manegements eingeführt worden, das von vornherein auf eine ganzheitliche ökologische Betriebsgestaltung ausgerichtet gewesen sei.

Entscheidende Pionierleistung

Mit der Gründung von B.A.U.M. 1985, der ersten und größten Umweltinitiative der Wirtschaft in Deutschland und Europa, habe Dr. Winter eine entscheidende Pionierleistung erbracht und der gewerblichen Wirtschaft verdeutlicht, daß konsequenter Umweltschutz nicht nur im volkswirtschaftlichen, sondern gerade auch im betriebswirtschaftlichen Interesse liege.

Der unternehmerischen Herausforderung des Umweltschutzes offensiv begegnet

Auch Klaus Günther habe, so Troge, die Zeichen der Zeit früher als andere erkannt und sich mit neuen Methoden der unternehmerischen Herausforderung des Umweltschutzes offensiv gestellt. Schon früh habe er eines der ersten funktionierenden Konzepte umweltorientierter Unternehmensführung verwirklicht und Umweltschutz glaubwürdig und ständig nach innen und außen verbreitet. 1986 habe Günther die Initiative ergriffen zur Gründung des Förderkreises Umwelt future, der heute rund 200 Unternehmen und Führungskräfte der deutschen Wirtschaft angehörten.

Den Faktor Umwelt zum festen Bestandteil der Firmenphilosophie gemacht

Diese Betriebe hätten den Faktor Umwelt zum festen Bestandteil ihrer Firmenphilosophie gemacht und großen Wert auf den Erfahrungsaustausch untereinander gelegt. Umwelt future habe den dualen Ansatz der ökonomisch-ökologischen Unternehmensführung entwickelt und dessen Umsetzung in die betriebliche Praxis in Kooperation mit Verbänden, Kammern und Bildungseinrichtungen unterstützt.

"Ermutigung für jeden, der sich für umweltbewußtes Wirtschaften einsetzt"

Dr. Georg Winter selbst bezeichnete die Auszeichnung als Ermutigung für jeden, der sich für umweltbewußtes Wirtschaften einsetze. Er nehme den Preis auch als Auszeichnung für B.A.U.M. und INEM in Empfang, denen er das Preisgeld jeweils zur Hälfte zur Verfügung stellen werde. Neben vielen Mitstreitern dankte er vor allem seinem Bruder Ernst Michael, der mit ihm alle umweltrelevanten Aktivitäten des Hauses Winter getragen und maßgebliche Verantwortung für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens habe. Als Ziele für B.A.U.M. und INEM bis zum Jahr 2000 nannte Winter, auf allen Kontinenten umweltorientierte Unternehmen in großer Anzahl zu schaffen und die guten Erfahrungen im umweltbewußten und erfolgssteigerndem Management auf den Staat insgesamt zu übertragen.

"Werden wir endlich zu Erden-Bürgern, verbürgen wir uns für die Erde."

Das Wirtschaftssystem müsse so fortentwickelt werden, daß es zunehmend mit erneuerbaren Ressourcen auskomme, Managementschulen und Universitäten müßten motiviert werden, auch Ethik und Fairneß zu vermitteln, "die alle Formen des Lebens und auch zukünftigen Lebens einschließt". Noch sei die Gesellschaft vom Ziel einer dauerhaft lebensfähigen Wirtschaft weit entfernt. Winter: "Wir sind wie Bergsteiger, die den Gipfel ahnen, aber die Route für den Aufstieg noch finden müssen." Die Anstrengung, diesen Weg zu finden, sei der Mühe allerdings wert. Winter: "Werden wir endlich zu Erden-Bürgern, verbürgen wir uns für die Erde. Werden wir nicht müde, die Kraft unserer Gedanken auf den Erhalt allen Lebens zu richten!"

Wirtschaft - Problemverursacher und Problemlöser in einem

Klaus Günther stellte heraus, daß zwar die Wirtschaft insgesamt ein Problemverursacher für die Umwelt sei, gleichzeitig mit ihren Erfahrungen, organisatorischen und technischen Umsetzungsmöglichkeiten aber auch der sachverständige Problemlöser. Deshalb dürfe sich die Wirtschaft nicht damit begnügen, global und unverbindlich über Probleme zu reden, sie müsse etwas unternehmen. Dabei sei umweltorientiertes Management nichts anderes als ökonomisches, also unternehmerisches Handeln. Denn umweltbewußte Unternehmensführung rechne sich in aller Regel zumindest mittelfristig.

"Umweltschutz muß herausfordern und Spaß machen"

Falsch sei es allerdings, Umweltschutz zu einer Sache zu machen, die vor allem Anliegen guter und edler Menschen sei. Der Mensch tue vor allem das, was er gern mache und wovon er Nutzen habe. Umweltschutz müsse deshalb herausfordern und Spaß machen, Umweltpolitik müsse sein wie die Umwelt selbst: klar, kreativ, vielfältig anspornend, dezentral. Als falsches Universalrezept geißelte Günther das immer umfassendere und perfektere Ordnungsrecht in Deutschland. Günther: "Unternehmerverhalten ist wirksamer mit dem Regelwerk des Marktes zu steuern als mit Geboten und Verboten - denn das sind die Kategorien, die dem Unternehmer vertraut und für ihn zwingendes Gebot sind."