Hamburg. Schreiadlerküken sind ein bisschen wie die Söhne von Adam und Eva: Auch bei den frisch geschlüpften Geschwistern überlebt nur der ältere „Kain“. „Abel“ wird von seinem Bruder direkt getötet oder bei den Fütterungen abgedrängt. Ein genetisch verankertes Phänomen, das der vom Aussterben bedrohten Art zum Verhängnis werden könnte. Um die Population der 109 Schreiadlerpaare in den letzten Brutgebieten von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zu stabilisieren, unterstützt die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein Sofortprogramm der Deutschen Wildtier Stiftung mit knapp 360.000 Euro: Bevor sich „Kain“ auf „Abel“ stürzt, wollen die Naturschützer mit Hilfe der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg und der Naturschutzstation Woblitz das jüngere Küken in Sicherheit bringen und einige Wochen von Hand aufziehen. Sobald der Aggressionstrieb beim Nesthocker erlischt, darf das Nesthäkchen wieder zurück. Ob es dann ein Happy-End gibt – das werden Peilsender an den Adlern vermelden.
Mit Hilfe der Satelliten gestützten Überwachung wollen die Naturschützer feststellen, ob die Jungvögel fit aus ihren Überwinterungsquartieren im südlichen Afrika heimkehren. „Denn für den Populationsrückgang des Schreiadlers in Deutschland ist der ‚Kainismus’ der Küken nur eine Ursache“, weiß Prof. Dr. Bernd-Ulrich Meyburg, Vorsitzender der Weltarbeitsgruppe Greifvögel und Eulen. Mit etwa 10.000 Kilometern lege der Adler auf seinem Zug die weiteste Strecke aller heimischen Greifvögel zurück. Dabei sei vor allem im Nahen Osten ihr illegaler Abschuss ein ernstzunehmendes Problem. Die Stiftung dränge deshalb darauf, den internationalen Schutz entlang der Zugrouten zu verbessern. Außerdem sei es wichtig, den Schreiadler in der Bonner Konvention, dem Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten, besser zu schützen. Dadurch könne das rechtliche Fundament geschaffen werden, um Wilderei für alle Länder entlang der Zugroute zu untersagen.