Dahme. Ein Geräusch wie das eines Maschinengewehrs. So hoch, dass unser menschliches Ohr, ja nicht einmal ein Hund es hören könnte. Mehrere „Schüsse“, von denen jeder Einzelne nur den Bruchteil einer Sekunde hallt. Mit einem merkwürdig veralteten überdimensionierten „Handy“ am Ohr reckt Axel
Kramer den Kopf in den Nachthimmel. Nur mit diesem speziellen Detektor lassen sie sich orten: die Ultraschallrufe der Fledermäuse. Jeden Abend machen sich die Tiere auf die Jagd, eine Jagd mit vielen „Opfern“: „2.500 Mücken pro Nacht schafft eine Fledermaus“, erklärt Kramer, während seine Gruppe in den dunklen Himmel starrt. Wie jeden Mittwoch steht eine große Menschentraube auf der Wiese im Dahmer Kurpark, lauscht den sonderbaren Geräuschen und sucht den Himmel ab. Immer wieder schlagen einige wild um sich. „Wenn Sie die Mücken zu sehr plagen, dann sollten Sie sich einen Fledermauskasten anschaffen“, rät Kramer, „denn Fledermäuse können für uns sehr nützlich sein: Sie fressen die Plagegeister.“
Axel Kramer: 2006 mit der muna und 5.000 Euro ausgezeichnet
Im Hinterhof des Modegeschäftes Möller kämpft sich der 48-Jährige durch seine voll gestopfte Garage. Der Mann passt so gar nicht in das Klischee des Naturschützers mit langen Haaren, Wollpullover und Birkenstocklatschen. Nachdem Kramer sich an Bergen von Spanplatten und Holzresten vorbei gezwängt hat, erreicht er schließlich den engen Spalt zwischen der Kreissäge und dem Wandregal. Nach und nach kramt er zwei Taschenlampen und drei Glaskästen mit ausgestopften Fledermausarten für seine Führungen aus dem Regal. Daneben türmt sich allerlei Holzspielzeug: Figuren für ein Fledermaus-ärgere-dich-nicht-Spiel, Teile eines überdimensionalen Fledermaus-Puzzles und eine ganze Fledermaus-Kegelbahn, die im unteren Regalfach aufgebaut ist. „Eine Gruppe von Ein-Euro-Jobbern hat die Sachen gebaut, die wir jetzt auf Veranstaltungen wie der ’Nacht der Fledermäuse’ einsetzen“, erklärt Kramer. „Die haben wirklich Spaß dran gehabt. Als sie nach einem halben Jahr gehen mussten, hatten sie richtig Tränen in den Augen“. Fledermäuse sind Axel Kramers Leidenschaft. Seit 27 Jahren ist er aktiver Fledermausschützer, weshalb ihn das
Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) 2006 mit dem
muna-Preis und 5.000 Euro Preisgeld ausgezeichnet haben. Die muna (
Mensch
und
Natur) will die Menschen stark machen, die aus freien Stücken der Natur helfen. Sie motiviert die Preisträger, in ihrem Bemühen um den Schutz einer intakten Natur nicht nachzulassen, und animiert andere, ihnen nachzueifern. Seit 1980 baut Axel Kramer Fledermauskästen und hängt sie in seiner Umgebung auf. Seit elf Jahren bietet er in den Sommermonaten wöchentlich seine Fledermausführungen an.
Dahmes Kurdirektor Timpe: „Tourismus und Naturschutz arbeiten hier Hand in Hand zusammen"Drei der 22 einheimischen Fledermausarten sind bereits ausgestorben, 13 laut roter Liste gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Aber was kann man schon tun? Ist der Einzelne nicht machtlos gegen Insektizide, Verkehr, Windkraftanlagen und die Vernichtung des Lebensraumes? Axel Kramer kennt das Wort Resignation nicht. Er weiß, dass penetrante, besserwisserische Schutzversuche keinen Erfolg haben. „Man muss die Leute für den Naturschutz begeistern und ihnen zeigen, welchen Nutzen sie davon haben.“ Bestes Beispiel: die Zusammenarbeit mit Frank
Timpe, dem Kurdirektor des
Ostseebads Dahme: „Tourismus und Naturschutz arbeiten hier Hand in Hand zusammen. Wir haben ein zusätzliches touristisches Angebot und bekommen dadurch kostenlose Werbung.“ Dem Fledermausschützer ist das nur recht. Die Touristen lernen in ihrem Urlaub etwas über die Natur und tragen den Naturschutzgedanken mit nach Hause in das gesamte Bundesgebiet. „Die Leute müssen über die Gefahren um unsere Natur Bescheid wissen, denn um diese Tiergruppe ist es in Deutschland schlecht bestellt.“ Man merkt’s ihm an: Der Mann lebt, was er sagt.
Ökologischer, sozialer und ökonomischer EffektAxel Kramer bremst vor einem grauen Gebäude mit Flachdach. Er ist gerade mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Kurpark. Drei schwarze Kästen mit einer weißen Fledermaus-Silhouette hängen neben einem Schild mit der Aufschrift „Kurverwaltung“. „Hier an der Kurverwaltung und dort an dem Haus auf der gegenüberliegenden Seite haben wir erst vor wenigen Wochen neue Fledermauskästen angebracht“, erzählt er. Über einhundert Hausbesitzer in Dahme haben sich mit solchen Kästen eingedeckt. Eine
Edelstahl-Plakette weist deren Eigenheime als „fledermausfreundliches Haus“ aus. Gebaut werden die Fledermauskästen von einer Behindertenwerkstatt, den „Oldenburger Werkstätten“. „Seit einem Jahr ist die Nachfrage nach den Kästen enorm gestiegen“, sagt Kramer „Die kommen mit der Produktion gar nicht mehr nach.“ Der Verkauf der Kästen sichert sechs feste Arbeitsplätze in den „
Oldenburger Werkstätten“. „Damit hilft das Projekt nicht nur dem Naturschutzgedanken. Es hat auch einen sozialen und wirtschaftlichen Effekt“, erklärt Kramer bevor er wieder auf seinen Drahtesel steigt.