11.09.2009 | Klimapolitik: „Großes Umdenken hat noch nicht stattgefunden“

Im Interview: Ernst Ulrich von Weizsäcker, Träger des Deutschen Umweltpreises 2008

von Weizsäcker und Studenten
Als Dekan der Donald Bren School in Santa Barbara bot DBU-Umweltpreisträger Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker Studentinnen und Studenten zwei Jahre lang in Forschung und Lehre eine Mischung aus Umweltwissenschaften und Management.
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Osnabrück/Emmendingen. Die Vorbereitungen für die Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2009 am 25. Oktober in Augsburg laufen auf Hochtouren. Die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit 500.000 Euro höchstdotierte Umweltauszeichnung Europas wird auch in diesem Jahr von Bundespräsident Horst Köhler übergeben: Zeit für einen Rückblick auf die Preisträger 2008. Neben dem Gründer des mittelständischen Biotech-Unternehmens BRAIN AG, Dr. Holger Zinke, erhielt Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker den Deutschen Umweltpreis für seine herausragenden Leistungen um die Verbreitung des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung. Im Interview mit der DBU spricht der ehemalige Dekan der Donald Bren School für Umweltwissenschaft und -management der Universität Kalifornien, Santa Babara, über seine Rückkehr nach Deutschland, die anstehende Klimaschutzkonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen und sein neues Buch „Faktor Fünf“.

DBU: Herr von Weizsäcker, kurz nachdem Sie den Deutschen Umweltpreis der DBU im Oktober vergangenen Jahres verliehen bekommen haben, sind Sie von Santa Babara an der kalifornischen Küste nach Deutschland zurückgekehrt. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert? Welchen Aufgaben gehen Sie derzeit nach?

von Weizsäcker: Zunächst waren der transatlantische Umzug zu bewältigen und die Eingewöhnung in Deutschland. Dann musste ich das englische Manuskript von Faktor Fünf gemeinsam mit den australischen Koautoren fertig schreiben und mich anschließend sofort an die deutsche Übersetzung machen. Und nun stehen zahlreiche Vorträge in Deutschland und Europa auf dem Programm.

DBU: Was haben Sie mit Ihrem Preisgeld gemacht? Nach der Verleihung war es Ihr Plan, gemeinsam mit Ihrer Frau ein Umweltinstitut in Emmendingen aufzubauen. Hat sich dieses Vorhaben bereits konkretisiert?

von Weizsäcker: Das Geld ist noch geparkt. Ich konnte die Arbeiten, für die ich das Institut gründen will, zunächst noch ohne institutionelle Unterstützung erledigen. Gegen Jahresende 2009 wird das Institut vermutlich „stehen“.

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker
Träger des Deutschen Umweltpreises 2008 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU): Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker
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DBU: Von 2006 bis 2008 waren Sie Dekan der Donald Bren School für Umweltwissenschaft und -management der Universität Kalifornien. Sie betonen, was in den letzten Jahren in den USA nicht funktioniert habe, sei die Umweltpolitik gewesen. Ist mit der Machtübernahme Barack Obamas in diesem Politikfeld ein Wandel zu erwarten oder sogar schon eingetreten?

von Weizsäcker: Obama hat ein glänzendes Team für Umwelt und Energie um sich versammelt und ein ehrgeiziges Klimaprogramm angekündigt. In der vor-parlamentarischen Beratung ist dies stark verwässert worden. Insbesondere sind unerhört großzügige „Offsets“ (Ausgleichsmaßnahmen) in den Waxman-Markey-Gesetzentwurf hinein gepresst worden, die es der amerikanischen Industrie erlauben, bis 2026 keine einzige Tonne Kohlendioxid weniger auszustoßen als heute.

DBU: Im Dezember dieses Jahres findet die Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen statt. Doch die Verhandlungen kommen nur zäh voran. Umweltschützer kritisieren, dass die bisherigen Zugeständnisse nicht ausreichen, um die fortschreitende Erderwärmung aufzuhalten. Was erhoffen Sie sich von dem Gipfeltreffen?

von Weizsäcker: Kopenhagen wird eine Fortsetzung von Kioto bringen. Die großen Entwicklungsländer gehen keine Verpflichtungen ein, also wird der US Senat kaum eine US-Verpflichtung ratifizieren. Die einzige Lösung, um diese Pattsituation zu überwinden, wäre ein Zeitrahmen für das Erreichen von pro-Kopf-gleichen Emissionsrechten für alle Menschen auf der Erde; erst das würde die Entwicklungsländer veranlassen, mitzumachen und würde dort einen Anreiz schaffen, hunderte von neuen Kraftwerksplänen einzumotten und stattdessen Lizenzen zu verkaufen. Diese Thematik steht aber in Kopenhagen überhaupt nicht auf der Tagesordnung.

DBU: Viel diskutiert wird, ob die Wirtschaftskrise zu einer Vernachlässigung des Klimaschutzes führt. Mit der Begründung, dass Arbeitsplätze gefährdet werden können, scheiterte beispielsweise erst Mitte August im australischen Parlament ein Gesetz zum geplanten Emissionshandel zur Reduzierung der Treibhausgase. Sehen Sie hier negative Entwicklungen?

von Weizsäcker: In den USA kam beim Verwässern der Obama-Initiative ständig das Arbeitsplätze-Argument. Auch in Deutschland sind uns HRE und Opel mehr Geld wert als das Klima.

Umweltpreis 2008
Preisübergabe (v.l.n.r.): Hubert Weinzierl, DBU-Kuratoriumsvorsitzender, Umweltpreisträger Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Umweltpreisträger Dr. Holger Zinke, Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler.
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DBU: Ein „Sorgenkind“ ist auch China. Die von der Regierung des Landes beauftragte Expertengruppe der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) hat kürzlich in einem Bericht mögliche Klimaziele vorgelegt. Demnach könnte der Ausstoß von Kohlendioxid des Landes bis 2050 wieder auf den Stand von 2005 verringert werden. Glauben Sie, dass die chinesische Regierung sich auf konkrete Einsparziele festlegen wird?

von Weizsäcker: Der gegenwärtig gültige elfte Fünfjahresplan enthält ein ehrgeiziges Energieeffizienzziel: 20 Prozent Verbesserung. Das ist aber natürlich kein absolutes sondern ein relatives Minderungsziel. In Kopenhagen wird China keine absoluten Einsparziele akzeptieren. Hauptargument ist der momentan laufende und sehr viel Energie – Stahl, Beton usw. – verbrauchende massive Ausbau der Infrastruktur, für den weitere 25 Jahre veranschlagt werden. Ich arbeite daran, Argumente für eine deutliche Minderung der CO2-Intensität von Stahl und Zement speziell für chinesische Ohren aufzubauen.

DBU: Richten wir den Blick nach Deutschland. Vor einem Jahr sagten Sie, dass Sie sich vorstellen, dass der Organismus Deutschland die Schlacke der Energieverschwendung zum großen Teil rauswerfen und dann Atomreaktoren abschalten und Kohlekraftwerke ausmustern könne. Der politische Widerstand ist in dieser Hinsicht allerdings noch sehr groß. Ist das von Ihnen beschriebene Szenario realistisch?

von Weizsäcker: Das große Umdenken hat noch nicht stattgefunden. Das Bundeswirtschaftsministerium hat Anfang Juli den Entwurf für ein industriepolitisches Gesamtkonzept in Umlauf gebracht, welches im Wesentlichen davor warnt, eine Klimapolitik zu verfolgen, die die Industrie belastet. Die einzige klimapolitische Maßnahme, die darin positiv gewertet wird, ist der Clean Development Mechanism, der es deutschen Unternehmen ermöglicht, sich durch billigere Maßnahmen im Ausland aus heimischen Pflichten herauszukaufen.

DBU: Die Politik will durch die Förderung grüner Schlüsseltechnologien in der Industrie neue Arbeitsplätze schaffen. Welches Potenzial sehen Sie hier?

von Weizsäcker: In dem genannten Papier kommt keine einzige grüne Schlüsseltechnologie vor. Ich hingegen sehe Potenziale bei lichtemittierenden Dioden (LED) anstelle von chemisch problematischen „Sparbirnen“; Wärmerückgewinnungs-Techniken für Gebäude; Geopolymerzement statt Portlandzement; Effizienzautos; Schnittstellentechnologien zwischen Öffentlichem und Individualverkehr; Mülltrennungstechnologie (statt bloßer Müllverbrennung); Erneuerbaren Energien; Gleichstrom-Hochspannungsleitungen; weiße Biotechnologie im gesetzlichen Rahmen; Systemoptimierungen (Logistik, Siedlungsplanung, ökologische Industrieparks nach dem Kalundborg-Muster); Wassereinspar- und Rezyklier-Technologien.

Deutscher Umweltpreis 2008
Moderator Stefan Schulze-Hausmann im Gespräch mit Umweltpreisträger Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker.
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DBU: In Kürze wird Ihr Buch „Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wirtschaften“ veröffentlicht. Lässt sich diese Formel in einigen wenigen Sätzen zusammenfassen? Was sind Ihre zentralen Thesen?

von Weizsäcker: Die zuvor genannten Ideen stammen aus „Faktor Fünf“. Ferner gibt das Buch Anregungen zu politisch-ökonomischen Instrumenten, die den Faktor Fünf oder auch bescheidenere Faktoren profitabel machen. Im Kern läuft es darauf hinaus, dass die Politik dafür sorgen soll, dass Energiepreise im Gleichschritt mit der Energieeffizienzerhöhung angehoben werden, in Analogie zu den Bruttolöhnen, die stets ungefähr mit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität ansteigen.

DBU: Haben Sie weitere Projekte, die Sie in der nahen Zukunft anstreben?

von Weizsäcker: Die de facto alleinige Leitung des International Panel for Sustainable Resource Management wäre eigentlich ein (unbezahlter) Vollzeitjob. Hier geht es darum, das Prinzip der Ressourcenproduktivität zur weltweiten Innovations-Leitlinie zu machen, keine ganz kleine Ambition.

 

Das Interview führte Stephanie Kaßing, DBU.