11.09.2009 | Weiße Biotechnologie: „Aus dem Spezialistentum herausgebracht“

Der Träger des Deutschen Umweltpreises 2008, Dr. Holger Zinke, im Interview mit der DBU

Zinke Treppenhaus
"Der Umweltpreis kam genau zum richtigen Zeitpunkt", erinnert sich DBU-Umweltpreisträger Dr. Holger Zinke. Sein Unternehmen ist inzwischen auf Expansionskurs.
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Osnabrück/Zwingenberg. Die Vorbereitungen für die Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2009 am 25. Oktober in Augsburg laufen auf Hochtouren. Die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit 500.000 Euro höchstdotierte Umweltauszeichnung Europas wird auch in diesem Jahr von Bundespräsident Horst Köhler übergeben: Zeit für einen Rückblick auf die Preisträger 2008. Neben dem Nachhaltigkeits-Experten Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker erhielt Dr. Holger Zinke, Gründer des mittelständischen Biotech-Unternehmens BRAIN AG, den Deutschen Umweltpreis. Als Pionier der weißen Biotechnologie-Branche ist es dem hessischen Unternehmer gelungen, Wirkstoffe aus der Natur für die industrielle Produktion zu gewinnen und damit die Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu erhöhen. Mit der DBU hat er über die Rahmenbedingungen von Technologieunternehmen in Deutschland, die Zukunft der Branche und seine Pläne für die BRAIN AG gesprochen.

DBU: Herr Zinke, vor knapp einem Jahr – am 26. Oktober 2008 – haben Sie den Deutschen Umweltpreis der DBU von Bundespräsident Horst Köhler überreicht bekommen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den Tag zurück denken?

Zinke: Ein ganzer Bus Mitarbeiter ist mit zur Verleihung gefahren, viele andere haben am Sonntagmorgen die Übertragung verfolgt. Das ganze Unternehmen ist der eigentliche Preisträger. Für mich persönlich: ein perfekt durchorganisierter, interessanter und angenehmer Tag. Die Wochen vorher, die Vorbereitungen und das für ein Technologieunternehmen ungewohnte Medieninteresse waren stressiger.

DBU: Inwiefern hat die Auszeichnung Einfluss auf Ihr Leben genommen – persönlich und innerhalb Ihres mittelständischen Unternehmens?

Zinke: Eine interessante Erfahrung: Die Ehrung hat über Nacht dazu geführt, dass man als Technologieunternehmen nicht mehr als erstes die Technologie erklären muss. Die Gesprächspartner interessieren sich jetzt mehr für die Auswirkungen auf die Industrie. Dass Biotechnologie entscheidende Beiträge zu den Prinzipien der Energie- und Ressourceneffizienz leisten kann, ist jetzt Allgemeingut geworden.

DBU: Sie haben sich den Preis mit Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem damaligen Dekan der Donald Bren School für Umweltwissenschaft und -management der Universität Kalifornien, geteilt. Wie haben Sie Ihren Anteil von 250.000 Euro investiert?

Zinke: Wenn Sie uns am Standort besuchen, sehen Sie Baukräne und eine vor der Inbetriebnahme stehende Produktionsanlage. Wir werden bald unsere Forschungs- und Entwicklungsflächen gegenüber dem Vorjahr verdoppelt haben. Dafür hat das Geld aber lange nicht gereicht…

Zinke Portrait
Träger des Deutschen Umweltpreises 2008 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU): Dr. Holger Zinke.
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DBU: Ihr Plan 2008 war es, die BRAIN AG von einem reinen Technologieunternehmen zu einem Industrieunternehmen weiterzuentwickeln, sprich eine eigene biologische Produktion einzurichten. Konnten Sie diesen Übergang vollziehen?

Zinke: Da liegt immer noch ein langer Weg vor uns, aber die Chemieindustrie hat auch 100 Jahre gebraucht. Wir sind immerhin gestartet und auf dem Weg schon ein gutes Stück weiter gegangen. Wir konnten im November letzten Jahres Fermenteranlagen von einem Industrieunternehmen übernehmen. Die sind installiert und werden im nächsten Jahr produzieren.

DBU: Die Basis Ihrer Arbeit ist der „Werkzeugkasten der Natur“, dessen Nutzung gerade erst am Anfang steht. Ist es Ihnen gelungen, diesen Werkzeugkasten weiter auszuschöpfen?

Zinke: Den Werkzeugkasten bauen wir seit zehn Jahren kontinuierlich und konsequent Stück für Stück weiter aus. Nach wie vor sehen wir aber nur die Spitze des Eisbergs, wir lernen jeden Tag dazu. Der Flaschenhals liegt heute aber eigentlich am anderen Ende: Wie geht man mit der enormen Biodiversität im industriellen Maßstab um, wie macht man aus einer Entdeckung und Erfindung tatsächlich ein Produkt? Wir haben neue Hochdurchsatzmethoden entwickelt und Roboteranlagen installiert. Parallel haben wir unseren Personalstamm erweitert und sind neue Kooperationen eingegangen. Im April sind von unserem Kooperationspartner Symrise zwei neue Kosmetikwirkstoffe in den Markt gebracht worden. Wir sind vor allem Stolz, von Zieldefinition bis Markteinführung nur zwei Jahre gebraucht zu haben. Hier kann man sehen, dass es vor allem die interdisziplinäre Verzahnung von Methoden, Unternehmen und Menschen ist, die für den Erfolg letztlich verantwortlich ist.

DBU: In einem Interview beschreiben Sie die Entwicklung der Biotechnologie in Deutschland als einen Wechsel zwischen Hoch- und Tiefpunkten. Die wissenschaftlich-technische Basis für Unternehmensgründungen sei exzellent, die dafür notwendigen finanziellen Mittel zu akquirieren allerdings schwierig. Befinden wir uns angesichts der Wirtschaftskrise in einem erneuten Tief?

Zinke: Schon vor der Finanzkrise waren die Rahmenbedingungen für Technologieunternehmen schlecht. Sie sind in den letzten 15 Jahren kontinuierlich schlechter geworden, ganz unabhängig von den Parteienkonstellationen. Die Werkzeuge für Unternehmensfinanzierungen sind dem Exportweltmeister und der drittgrößten Industrienation der Welt absolut nicht angemessen, hier ist enormer Handlungsbedarf. Die Krise hat dies natürlich nicht verbessert. Wir stehen vor den Herausforderungen des industriellen Wandels im Zeitalter des nachhaltigen Wirtschaftens. Da müssen ganz andere Finanzierungsinstrumente zur Verfügung stehen. Eigentlich bräuchten wir eine neue „Gründerzeit“ mit allem, was dazugehört.

Umweltpreisträger 2008 Zinke
Aus den Händen von Bundespräsident Horst Köhler erhielt Dr. Holger Zinke (l.) den Deutschen Umweltpreis 2008.
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DBU: Hat Deutschland im vergangenen Jahr die Möglichkeit genutzt, in der weißen Biotechnologie international eine Spitzenposition einzunehmen und die Biologisierung der Industrie weiter voran getrieben?

Zinke: Nun ist die Industrie und hier gerade die Chemieindustrie stark von der Finanzkrise getroffen. Das musste überall zu Bremsspuren führen. Aber ich bin überzeugt: Die Unternehmen, die sich des Themas konsequent angenommen haben, werden aus der Krise gestärkt hervorgehen. Und nach wie vor sind Deutschland und Europa gut aufgestellt. Auf der anderen Seite des Atlantiks wird natürlich in gewohnt amerikanischer Manier nach dem Wechsel mächtig Gas gegeben. Mit dem „Green New Deal“ hat man auch ein schönes „Label“ gefunden. Was proaktives Handeln anbelangt, das Erzeugen von Begeisterung und Zuversicht, da können wir noch viel lernen.

DBU: Der Deutsche Umweltpreis soll eine Vorbildfunktion für andere Personen, Unternehmen und Organisationen besitzen. Glauben Sie, dass die Auszeichnung der BRAIN AG und damit verbunden die Wertschätzung der Forschungsarbeit in der weißen Biotechnologie positiv in die Branche gewirkt hat?

Zinke: Absolut, das kann gar nicht genug gewürdigt werden. Vor allem, da das Thema aus der Ecke des technokratischen Spezialistentum herausgebracht worden ist. Technologieunternehmen sind wichtig für den industriellen Wandel, dies ist denke ich „angekommen“.

Deutscher Umweltpreis 2008
Umweltpreisträger Dr. Holger Zinke (l.) und Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (M.) zusammen mit DBU-Generalsekretär Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde.
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DBU: Wie kann der Nutzen der weißen Biotechnologie – auch in Abgrenzung zur kritisch diskutierten grünen Biotechnologie – stärker in den Köpfen der Menschen verankert werden?

Zinke: Rückblickend auf zwanzig Jahre erfolglosen Werbens um „Akzeptanz“ muss man feststellen: Viel ist im Ergebnis nicht passiert, bei der grünen Gentechnik sind sogar gegenteilige Effekte entstanden. Ich glaube nicht, dass durch noch so ausgeklügelte „Kommunikationsstrategien“ etwas erreicht werden kann. Ich glaube auch nicht, dass uns eine grundsätzliche Diskussion von Technologien weiterbringt. Technologien sind nicht per se in gute und schlechte klassifizierbar. Das geht nur über sehr konkrete Beispiele von Produkten, an denen jeder einzelne für sich selbst eine Nutzenabwägung durchführen kann. Deshalb ist die weiße Biotechnologie auch so wichtig, hier gibt es etliche konkret erfahrbare Produkte.

DBU: Energieeffizienz und Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen gehören zu den drängendsten Problemen unserer Zeit. Im Dezember dieses Jahres steht die Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen an. Was erwarten Sie sich von dem Gipfeltreffen?

Zinke: Hoffentlich werden die politischen Botschaften konkreter, vor allem was die Umsetzung in wirtschaftliche Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln anbelangt. Der Ort der Konferenz könnte nicht besser gewählt sein: In Kopenhagen sitzt das Unternehmen Novozymes, dessen Enzymprodukte mehr Kohlendioxid einsparen als etwa halb Dänemark emittiert. Es gibt kaum ein besseres Beispiel, wie durch weiße Biotechnologie ein größerer Einfluss für alle drei Säulen der Nachhaltigkeit erreicht werden kann: ein erfolgreiches Unternehmen, ein bei den Mitarbeitern beliebtes Unternehmen, ein moderner Weltmarktführer aus dem alten Europa. Wir brauchen mehr davon, und das ist dann schnell eine Frage der aktiven Technologie- und Industriepolitik, also der Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln. Europa und speziell Deutschland haben eine riesige Chance, hoffentlich wird sie genutzt.

DBU: Welche Projekte haben Sie und Ihr Unternehmen für die Zukunft geplant?

Zinke: Das klingt vielleicht langweilig: weiter wachsen und dabei nicht die Innovationskultur des Unternehmens, unsere Stärke, gefährden. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Der Umweltpreis kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Er hat einen riesigen Motivationsschub erzeugt. Die Inbetriebnahme unserer neuen Anlagen gerade mal ein Jahr nach Baubeginn soll uns erst mal einer nachmachen.


Das Interview führte Stephanie Kaßing, DBU.